Adel verdichtet

Die­ser Aston Mar­tin Van­quish Cou­pé zeigt dezent, mit der mas­ku­lins­ten Art des Koh­len­stoffs, wer wirk­lich Stil hat. Wenn die Dame Dia­man­ten trägt, ziert den bri­ti­schen Herrn schwar­zes Car­bon, ele­gant über einen der letz­ten fau­chen­den Zwölf-Ender unse­rer Zeit gespannt.

Anscheinend hat die Dame des Hauses die Frage nicht gehört. “Lord Sinclair”, ruft sie, statt angemessen zu antworten. Der Name ist ein Zeichen dafür, dass sie zur Vernunft gekommen ist. Vor Minuten noch, im Aston Martin Vanquish Black Carbon thronend, träumte sie am Beifahrergestühl davon, ein Bond-Girl zu sein. In einem Film, in dem Bond blöderweise ums Leben kommt – und in Folge die Schöne mit dem Bond-Mobil in eine gemeinsame Zukunft blickt. Ausnahmsweise also Carbon statt Diamanten. Kohlenstoff ist Kohlenstoff. Und Kohlenstoff ist edel. Egal, wie stark verdichtet.

Jetzt gäbe sie zwar wirk­lich ein traum­haf­tes Bond-Girl ab, aber die Geschich­te hol­pert an ande­rer Stel­le. Der Mann hin­ter dem Volant, in dem sie so ger­ne Herrn Bond gese­hen hät­te, kann sich die­sen Aston Mar­tin aus eige­ner Kraft nicht leis­ten. Wir reden da von etwas mehr als 350.000 Euro. Da wäre es folg­lich klü­ger, ein ade­li­ger als ein muti­ger Roger Moo­re zu sein. Also bes­ser Lord Sin­c­lair als James Bond.

Ein schö­nes Schloss wäre zudem auch die pas­sen­de Gara­ge, falls sich der bri­ti­sche Gran Tou­ris­mo doch ein­mal aus­ge­hen soll­te. Und Schlös­ser haben einen ent­schei­den­den Vor­teil: Sie sind in der Erhal­tung so teu­er, dass man mit­un­ter eines um einen sym­bo­li­schen Euro ange­bo­ten bekommt – nur damit ein ande­rer Lord das G’scher hat.

Beim Car­bon-Van­quish hat die gewis­se Sym­bo­lik nichts mit dem Bezahl­vor­gang zu tun. Die­ser Car­bon-Gran Tou­ris­mo ist ein State­ment der ganz ande­ren Art. Er sagt: “Ein Aston Mar­tin ist ein schö­nes Auto, ein Zwölf­zy­lin­der ein adäqua­ter Motor, aber wir wol­len uns ein wenig von der Mas­se abhe­ben.”

In 3,8 Sekun­den sprin­tet die­ser Van­quish von 0 auf 100 km/h. Sei­ne Spit­ze erreicht er weit jen­seits der 300 km/h. Bei­des haben wir nicht getes­tet. Da ver­las­sen wir uns auf die Her­stel­ler­an­ga­ben. Wir haben die 48 Ven­ti­le nicht nach­ge­zählt, die 5935 Kubik­zen­ti­me­ter Hub­raum nicht nach­ge­mes­sen, nicht die 576 PS, nicht die 630 New­ton­me­ter.

Das liegt dar­an, dass man ein­fach alles rund um einen ver­gisst, wenn die zwölf Zylin­der ihren Dienst begin­nen und durch die End­roh­re rot­zen, wäh­rend man in einem Auto sitzt, das an einen maß­ge­schnei­der­ten Smo­king erin­nert. Alles passt wie ange­gos­sen und ist gleich­zei­tig so galant.

Für Van­quish-Ken­ner bie­tet der Black Car­bon wenig Über­ra­schun­gen. Front-Mit­tel­mo­tor, Tran­sax­le-Bau­wei­se, Hin­ter­rad­an­trieb. Es sind die Details, wie das Sicht­car­bon, das Alu-Car­bon-Chas­sis, die Car­bon-Karos­se­rie, der über­ar­bei­te­te Motor und die schnel­ler schal­ten­de Acht-Gang-Auto­ma­tik, die wie Dia­man­ten auf einem Koh­len­stoff­schmuck­stück thro­nen.

Allein das Dis­play in der Mit­tel­kon­so­le wirkt ein wenig alt­ba­cken. Irri­tie­rend ist auch das Lenk­rad, das nicht unten, son­dern an den Sei­ten abge­flacht ist. Viel­leicht, damit Herr und Frau Bond vier­hän­dig fah­ren kön­nen, wenn es brenz­lig wird. Apro­pos Frau Bond – da war doch vor­hin der lieb­li­che Lock­ruf.

Die letz­ten Schrit­te zur Ange­be­te­ten machend, wird klar, die Dame blickt ver­stört drein. “Wie kann Lord Sin­c­lair Ihnen die­nen?” – “Sin­c­lair?” Sie habe nur auf mei­ne Fra­ge geant­wor­tet, ob sie die Füll­men­gen unse­rer Kon­ten ken­ne, und mein­te: “Klo­ar, d’ sind leer.” Na gut, dann kau­fen wir statt des Aston doch ein Schloss.


Die­ser Arti­kel erschien am 16. Jän­ner 2015 in der Bei­la­ge RONDOMOBIL der Tages­zei­tung der Stan­dard und am 19. Jän­ner 2015 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: Wolf-Dieter Grabner; Link: Aston Martin