Neun Millimeter für Lernresistente

Fiat trimmt den Pan­da 4×4 auf Gelän­de und legt ihn höher. Damit ist er der kleins­te SUV, den es gibt, und er beweist, dass er den Gro­ßen ganz locker die Schneid abkauft.

Ich glaub, jetzt will er es wissen“, wand sich der junge Mann am Rücksitz vor wenigen Minuten noch an die Beifahrerin. Die hatte zu dem Zeitpunkt schon das letzte bisserl Farbe im Gesicht verloren. Noch weißer war nur die Haut über den Fingerknöcheln, weil sie die Hände so in den Panda krallte.

Also nicht in den Bam­bus­fress-Pan­da, son­dern in den Fiat Pan­da. Den neu­en. Den Pan­da Cross. Sie ant­wor­te­te nicht, kon­zen­trier­te sich auf den Film, der vor ihren Augen ablief. „Geh bit­te“, trom­pe­te­te ich, „willst mit einem 30er über das Schot­ter­we­gerl schlei­chen? Das ist ein Pan­da. Der macht das schon.“ Jetzt ist das Heroi­sche weg. Wenn das Blut nur rasch genug absackt, in etwa mit der Geschwin­dig­keit, mit der mir grad das Herz in die Hose rutscht, dann wara­ten die Knö­chel neben mir, im Ver­gleich zu mei­nem Gesicht, blut­un­ter­lau­fen.

Um Rat fra­gen geht in der Situa­ti­on schon allei­ne aus Eitel­keit nicht. Obwohl der Exper­te am Rück­sitz in der Tat einer ist, wenn es ums Gelän­de­fah­ren geht. Aber bis die Fra­ge aus­ge­spro­chen wäre, wür­de ich ohne­dies schon am Air­bag lut­schen, weil ich uns gleich aus der Kur­ve wer­fe. Oder, wenn die graus­li­che Dreck­la­cke vor uns so tief ist, wie sie wirkt, dann ver­sinkt der Pan­da eh gleich mit Putz und Bam­bus. Brem­sen geht sich nim­mer aus. Aus der Kur­ve len­ken geht nicht, weil dort Bäu­me ste­hen, rein­len­ken ist sinn­los, wenn ich nicht am Dachl im Gatsch lan­den will.

Der Axi, der würd wis­sen, wie man aus der Situa­ti­on raus­kommt. Der pfeift sich nie was. Dem pas­siert nie was. Ova­tio­nen statt Deto­na­tio­nen scheint sein Mot­to zu sein. Und da schießt mir ein, was Axi machen wür­de. Er wür­de sich an den Spruch von Colin McRae hal­ten: „In doubt, fla­tout!“

Voll­gas. Genau. Das wirkt dann so, als hät­te ich nicht nur die Situa­ti­on im Griff, son­dern auch Eier in der Hose. Die Ach­sen kön­nen wir dann ja im Nach­hin­ein aus dem Dreck zie­hen. Also falls die ste­cken blei­ben und wir mit dem Blech­kleid allein auf der ande­ren Sei­te lan­den. Aber so kön­nen wir dann wenigs­tens tro­cke­nen Fußes aus­stei­gen. Denn wenn mich die zwei Kol­le­gen im Auto spä­ter an einen Baum bin­den, dann will ich mich nicht wegen der nas­sen Füße ver­küh­len.

Also drück ich das Gas­pe­dal in die Boden­plat­te. Der 90 PS star­ke Die­sel gur­gelt sich einen her­un­ter, und als wir über der Rie­sen­la­cke sind, heult er auf. Die Räder dre­hen durch. Wie bei Aqua­pla­ning rut­schen wir über die Let­ten, bis am ande­ren Ende die Pneus wie­der Grip krie­gen. – Nix ist pas­siert. Nie­mand sagt etwas. Nur ein Seuf­zen höre ich. Aber das nur ganz lei­se, weil mir der Puls in den Ohren so häm­mert.

Das Pro­blem an sol­chen Situa­tio­nen ist bei mir: Ich lern nix draus. Oder nicht das, was ich soll­te. Statt dem „fahr nicht schnel­ler, als dein Schutz­en­gel flie­gen kann“-Mist fräst sich bei mir ein „Geht eh – scheiß di net an“ in die Fest­plat­te. Das nächs­te Pro­blem an sol­chen Situa­tio­nen, aus denen man nichts lernt, ist: Sie kom­men in leicht abge­wan­del­ter Form wie­der, und dann bin ich genau­so rat­los wie schon beim ers­ten Mal.

Weil: wenn die nächs­te Lacke gekom­men wäre, dann hät­te ich jetzt gewusst, was ich mach: So weit es geht, die Fens­ter zu. Aber mit dem Stein, mit­ten am Weg, habe ich jetzt nicht gerech­net. Den Mund so weit offen, dass ich die Kinn­la­de auf der Wam­pe spü­ren kann, die Augen so auf­ge­ris­sen, dass sie mir beim nächs­ten Nie­ser sofort aus dem Gesicht fal­len wür­den, sitz ich in dem Pan­da Cross in unfreu­di­ger Erwar­tung einer Deto­na­ti­on.

Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter ist alles vor­bei. Statt einer neu­en Küh­ler­fi­gur aus Gra­nit hat der Pan­da – gar nix. Um neun Mil­li­me­ter liegt der Pan­da Cross höher als sein nor­ma­ler 4x4-Bru­der. Und das hat aus­ge­reicht, um wie­der nichts ler­nen zu müs­sen. Die läs­si­ge Optik mit der Front- und Heck­schür­ze, dem rus­ti­ka­len Grill und den Kunst­off­plan­ken auf der Sei­te hät­te dem Stein nichts ent­ge­gen­set­zen kön­nen. Bei dem Tem­po hät­te ver­mut­lich auch der Unter­fahr­schutz aus Stahl­ble­chen gesagt: „Weißt was, Dep­per­ter, mich kannst gern­ha­ben.“

Jetzt habe ich dann aber doch eines gelernt. Unab­sicht­lich, aber was soll’s. Ich habe näm­lich die Ant­wort auf die Fra­ge gefun­den, die mir ein Kol­le­ge stell­te, als er den Pan­da Cross das ers­te Mal sah: „Wer bit­te braucht so ein Auto?“ Typen wie ich brau­chen so ein Auto. Ker­le, die ein bis­serl einen Schuss haben, vor dem man sie schüt­zen muss, und die ger­ne aus­ge­fal­le­ne Autos fah­ren. Ja, schon gut, in Ita­li­en hat jede zwei­te Fami­lie drei Pan­da daheim ste­hen, und über­haupt ist er eines der meist­ver­kauf­ten Autos der Welt. Was auch dar­an liegt, weil der kleins­te SUV ein­fach kei­ne Mit­strei­ter hat – erst recht nicht, wenn es um den Pan­da mit All­rad­an­trieb geht. Aber trotz­dem, mir wür­de man einen Pan­da nicht zutrau­en – auch wenn ich wohl ziem­lich genau in die Ziel­grup­pe fal­le, die Fiat mit die­sem Auto im Aug hat.

Nur eines hält mich davon ab, den Pan­da Cross sofort zu kau­fen: Der Preis. Ab 18.640 Euro geht es los – damit ist er um 3.500 Euro teu­rer als der nor­ma­le Pan­da. Und nur eines hält mich davon ab, jetzt noch wei­ter zu fah­ren und in weni­gen Sekun­den wie­der vor einer aus­weg­lo­sen Situa­ti­on zu ste­hen. Der lee­re Blick der Bei­fah­re­rin. Als ich ste­hen blei­be und aus­stei­ge, lockern sich ihre Hän­de, sie sinkt im Sitz zusam­men und wirkt erleich­tert, als der Off­road-Exper­te das Steu­er über­nimmt.


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Fotos: Gui­do Glu­schitsch