Es lebe der Supersport

Ein bereits tot­ge­sag­tes Seg­ment, jenes der Super­sport-Motor­rä­der, wird neu belebt. 200 PS bei 200 Kilo­gramm Eigen­ge­wicht gel­ten mit einem Mal als Stan­dard. Hon­da ver­schafft dem MotoGP-Bike eine Stra­ßen­zu­las­sung.

Alles hat so fein ausgeschaut. Als wäre das gute Ende zum Greifen nah. KTM bringt mit der Freeride E eine elektrisch angetriebene MotoCross-Maschine auf den Markt und lässt diese durch Offroad-Parks fahren, wo sie niemanden mehr stören. Mit dem Johammer kommt der wohl ausgefallenste Cruiser, der elektrisch angetrieben wird, aus Österreich. Und vor den Grenzen Wiens schraubt in einer kleinen Garage die Firma iO-Scooter, Elektroroller auf höchstem Niveau zusammen. Die großen Hersteller geben sich gelassen. Es ist die Zeit, in der die Schönheit eines Motorrads wieder viel wichtiger ist als Leistungsdaten oder Trockengewicht. Scrambler kommen wieder in Mode. Café Racer auch, BMW bringt mit der nineT ein herrliches, klassisches Retro-Bike.

Man zeigt, was geht

Und dann, eines schö­nen Tages im Jahr 2014, zer­reißt die Idyl­le: Kawa­sa­ki prä­sen­tiert die Nin­ja H2R. 300 PS ist die offi­zi­el­le Anga­be der Japa­ner. 330 PS und mehr sol­len aber auch kein Pro­blem sein, hört man in der Sze­ne. Nur um zu zei­gen, was geht, schraubt Kawa­sa­ki einen Kom­pres­sor an einen Vier­zy­lin­der mit einem Liter Hub­raum. Das Ergeb­nis erschüt­tert die Motor­rad­welt bis ins Mark, auch wenn Kawa­sa­ki gleich sagt, dass die­ses Motor­rad nicht in Serie gehen wird. Inzwi­schen wis­sen wir, wie die Seri­en­ver­si­on aus­se­hen wird. Sie hat einen Kom­pres­sor. Und 200 PS Leis­tung.

BMW bleibt cool

Der ein­zi­ge Her­stel­ler, der auch in den letz­ten Jah­ren nicht auf­ge­hört hat, an sei­ner Super­sport-Maschi­ne zu arbei­ten, stellt gleich­zei­tig sei­ne neue Liter-Sport­ler vor. 199 PS saugt sich die BMW S1000RR aus dem Vier­zy­lin­der. Wegen der Kraft des einen Pferd­chens fan­gen die Deut­schen aber nicht zu zit­tern an. Mit 204 Kilo­gramm voll­ge­tankt ist die S1000RR, die Anfang Jän­ner zu den Händ­lern kommt, um fast 40 Kilo­gramm leich­ter als die auf­ge­la­de­ne Kawa­sa­ki. Stra­ßen­taug­li­cher soll sie sein, ver­spricht BMW. Sie hat eine Launch-Con­trol. Für den Ampel­start?

Yamaha feiert ein Comeback

Doch bevor BMW das Super­sport-Zep­ter auch 2015 wie­der an sich rei­ßen kann, steht da auf ein­mal der Geg­ner auf, der mit einem fürch­ter­li­chen blau­en Aug im Eck gele­gen ist. Yama­ha hat es jah­re­lang nicht auf die Rei­he bekom­men, dass BMW wie aus dem Nichts die bes­te Seri­en-Renn­ma­schi­ne bau­en soll­te, und sank in sich zusam­men. Doch jetzt sind sie wie­der da. Mit der neu­en R1. Und die nack­ten Daten allein las­sen nicht nur die Riva­len aus Ber­lin zit­tern. Sie bleibt ein Kilo­gramm unter 200 Kilo­gramm, hat aber 200 PS — und eine Launch-Con­trol. Der Schlag hat geses­sen. Wenn sich zwei strei­ten, freut sich der Drit­te, heißt es. Jetzt lie­gen sich eh schon BMW, Yama­ha und Kawa­sa­ki in den Haa­ren. Fehlt nur noch einer: Hon­da.

Honda limitiert streng

Die Fireb­la­de ist für vie­le heu­te immer noch die am ein­fachs­ten zu beherr­schen­de Super­sport­le­rin. Doch sie ist zu schwer und zu schwach, um vor­ne mit­zu­mi­schen. Schnell, zur Hun­dert-Jahr-Fei­er der EICMA, der Motor­rad­mes­se in Mai­land, hat Hon­da dann über­ra­schen­der­wei­se doch was in die Schein­wer­fer gerückt, was erst Mona­te spä­ter hät­te prä­sen­tiert wer­den sol­len. RC213V heißt die MotoGP-Maschi­ne von Mar­quez mit Stra­ßen­zu­las­sung. “Über 200 PS”, lau­tet die offi­zi­el­le Anga­be von Hon­da. Um 40 bis 50 PS wer­den es dann wohl mehr sein. Kau­fen kann man das streng limi­tier­te Motor­rad nur online. Preis: Wir schät­zen ein­mal, so rund um die 200.000 Euro.


Die­ser Arti­kel erschien am 14. Novem­ber 2014 in der Tages­zei­tung der Stan­dard und am 17. Novem­ber 20104 auf derStandard.at/Motorrad.


Fotos: Kawasaki, BMW, Yamaha, Honda