Die Katze stellt Forderungen

Das F-Type S Coupé ist nicht nur wunderschön, sondern verlangt auch nach einer strengen Hand, wenn er artgerecht bewegt werden will.

Wie es scheint, muss man Sportwagen nicht einmal besonders viel abgewinnen können, um den Jaguar F-Type S Coupé faszinierend zu finden. Egal, von welcher Seite man sich diesem Wagen nähert. Von vorne, von hinten, von der Seite und vermutlich sogar von unten schaut diese Katze gut aus. Daraus machen auch nur wenige Menschen ein Geheimnis.

Der F-Type ist kein Auto für Introvertierte, die diese Eigenschaft nicht ablegen wollen. Wer diesen Boliden fährt, wird permanent angesprochen. „Der schönste Jaguar seit dem E-Type“, war eine der Meldungen, die uns in Erinnerung blieb. „Endlich baut Jaguar wieder schöne Autos“, eine andere.

Während man in vielen anderen Sportwagen gerne belächelt wird, geächtet, gehasst oder verspottet – das passiert einem im Jaguar nicht so leicht. Dieses Auto schürt keinen Neid. Die Türschnallen, die plan im Wagen verschwinden, wenn man sie nicht braucht, und nur ausklappen, wenn der F-Type unverschlossen auf seinen Piloten wartet, sind ebenso formvollendet wie das wunderbar gezeichnete Heck. Aus diesem reckt sich ab einer Geschwindigkeit jenseits von 100 km/h der Heckspoiler nach oben, um den Abtrieb zu erhöhen – Verneigungen, die der F-Type vor der Aerodynamik macht.

Eines unterscheidet den F-Type ganz stark von vielen Konkurrenten: Nicht jeder, der einen Führerschein hat, kann diesen Jaguar auf Anhieb schnell fahren. Wer ihn unterschätzt, wird konsequent bestraft. Ganz egal, ob das elektronische Sicherheitsprogramm eingeschaltet ist oder nicht – beim harten Gangwechsel auf Last beginnt das Heck lässig zu zucken. Vor allem wenn man im Renn-Modus die acht Gänge der Quickshift-Automatik über die Paddles am Lenkrad durchschaltet, reißt es an der Hinterachse vom ersten bis zum dritten Gang, dass es die pure Freude ist. Wehe dem, der damit nicht zu spielen versteht.

In 4,9 Sekunden schießt der 380 PS starke Jaguar aus dem Stand auf 100 km/h. Bei 275 km/h ist Schluss. Für den Schub sorgt ein drei Liter großer V6-Kompressormotor, der am liebsten über die offene Auspuffanlage atmet. Dann faucht die Katze auch, wenn sie die Kurve kratzt. Sie driftet, wenn man sie lässt. Die exakte Lenkung und das mechanische Sperrdifferenzial helfen beim Tänzeln im Grenzbereich.

Dem knochenharten Fahrwerk liegt eine adaptive Dämpfung zugrunde, die sich bis zu hundert Mal pro Sekunde den Roll- und Neigungsraten anpasst. DerJaguar fährt sich unglaublich direkt, kaschiert nichts und verlangt nach einer starken Hand, wenn man flott fahren möchte.

Doch die Katze kann auch schnurrend. Im Normalmodus ist er fast schon dezent leise, schaltet komfortabel und spart mit der Stopp-Start-Automatik auch noch Sprit. 8,8 Liter stehen dann auf dem Normverbrauchszettel. Ein Alltagsauto ist der F-Type trotzdem nicht – auch wenn er einen für die Fahrzeugklasse außergewöhnlich großen Kofferraum hat. Dafür hat er hinten keine Notsitze, die im Grunde eh nicht mehr sind als Ablagen für Sporttaschen beim Wochenendausflug.

Im Interieur dominiert ebenfalls der Sport – in britischer Gelassenheit und Eleganz. Unser Test-Jag hatte sogar ein beheizbares Lederlenkrad und eine Soundanlage, die bei diesem Wagen pure Verschwendung ist. Denn mit dem Klang des V6 kann kein Wagner, kein Hendrix und nicht einmal der Heino mithalten.

Die knackigen Sitze mit dem Seitenhalt einer Schale, die den Fahrer tief im Wagen unterbringen, sind zwar nicht unkomfortabel, aber wer beweglich wie ein Kachelofen ist, erlebt beim Ein- und Aussteigen seine Lektionen in Demut. Respektive: Nur weil man reingekommen ist in den F-Type, heißt das noch lange nicht, dass man auch galant wieder rausfindet. Am besten verfügt man also über eine kurze Reaktionszeit und sportliches sowie motorsportliches Talent, um den F-Type an die Grenzen bringen zu können – und über 100.000 Euro.


Dieser Artikel erschien am 20. Juni 2014 in der Tageszeitung der Standard und am 22. Juni 2014 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: Wolf-Dieter Grabner, Jaguar