Brutal zurückhaltend

Erst drückt er einen mit sei­nen 560 PS in den Sitz — drückt man dann das Brems­pe­dal, arbei­ten die Kera­mik-Schei­ben wie eine plötz­lich auf­tau­chen­de Haus­mau­er.

Er will, eindeutig, aber er kann nicht. Der BMW M6. Gerade für das dritte Modell in der M6-Familie, für das Gran Coupé, trifft das besonders zu. Nein, nicht was Sie jetzt vielleicht meinen, dass er die M-Versprechen von ei­nem edlen, straßenzugelassenen Sportwagen nicht halten kann, sondern: Er wäre gerne zurückhaltend. Aber nein, das ist er nicht im Ansatz.
BMW M6 Gran Coupé – V8-Twin-Turbo-Benzindirekteinspritzer, 4,4 Liter Hubraum, 560 PS, ein maximales Drehmoment von 680 Newtonmeter, 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe – ab 156.000 Euro zum Spielen abzuholen.

Er trägt kei­nen fet­ten Heck­spoi­ler, der von wei­tem ver­rät, dass hier ein Geschoß kommt. Aber er hat eine ein­deu­ti­ge Front. Gro­ße Luft­ein­läs­se zei­gen, dass da kein zuge­schnür­ter Motor unter der Hau­be steckt. Und das bemerkt man auch nach jeder Fahrt. Denn da läuft der Hub­schrau­ber noch ein Zeit­erl nach, wenn der M6 schon lan­ge steht.

Neben den 560 PS leis­tet die­ser Motor anschei­nend auch die Ar­beit eines Heiz­kraft­werks. Es dürf­te schon beim Fah­ren eine Her­aus­for­de­rung sein, den Motor ther­misch sta­bil zu hal­ten, nach dem Abstel­len, wenn es kei­nen Fahrt­wind gibt, simu­lie­ren die­sen die Ven­ti­la­to­ren der Küh­ler.

Mit einigen Extras wird er aber richtig, richtig teuer.

Am Stand klingt der M6 also schon ein­mal wie ein Pri­vat­flug­ha­fen. Beim Fah­ren nicht. Es wirkt, als hät­te BMW viel Arbeit rein­ge­steckt, die­sen Motor dezent klin­gen zu las­sen. Im Innen­raum hört man ihn bei nor­ma­ler Fahrt fast gar nicht. Ganz anders ist das drau­ßen. Da glei­tet man ver­meint­lich laut­los auf einen Park­platz, und trotz­dem dreht sich sofort jeder nach dem Wagen um, der auch nur ein wenig Ben­zin im Blut hat.

Er blub­bert deut­lich durch die vier End­roh­re, macht kein Geheim­nis aus den 4,4 Litern Hub­raum. Und wenn man ihn über die M-Knöp­fe auf scharf stellt, dann faucht er sowie­so per­ma­nent.

Hinterradantrieb und Diff-Sperre. Danke!

Span­nend ist übri­gens, wie die Leu­te auf die­ses Auto reagie­ren. “Der ist zu blad, zu behä­big, der kann nix”, hören wir nicht ein­mal. Wenn man dar­auf­hin aber den Schlüs­sel aus der Tasche zieht und fragt: “Magst ein­mal pro­bie­ren?”, fan­gen die Augen des Ge­genüber zu leuch­ten an, und sofort schnap­pen bei­de Hän­de gie­rig nach dem Schlüs­sel.

Wenn dann Sekun­den spä­ter klar ist, dass die Fra­ge nur dazu gedacht war, um her­aus­zu­fin­den, ob die­ser M6 nicht doch inter­es­sant wäre, stem­men sich die Hän­de in die Hüf­ten und das Gran Cou­pé ist wie­der fürch­ter­lich bäh.

Wir sind zerrissen. 13 Liter im Praxistest sind global betrachtet böse, für diese Fahrleistungen und so viel Fahrspaß aber eine echte Ansage.

Das Ange­bot, in der hin­te­ren Rei­he mit­fah­ren zu kön­nen, woll­te nie­mand anneh­men. Nein, das ist eh kein Wun­der, obwohl, das wäre ganz schön gemüt­lich. Wenn man halt brav fährt. Was mit dem M6 genau­so schwer geht, wie er selbst zurück­hal­tend ist.

Tritt man auf der Auto­bahn das Gas­pe­dal durch, schwan­zelt er wie ein Hund vor der Knack­wurst gleich mit dem gan­zen Heck. Dan­ke für den Hin­ter­rad­an­trieb. Hin­ten antrei­ben, vorn len­ken. Exakt brem­sen. Wir haben am M6 die Kera­mik­schei­ben drauf. Die wol­len nicht nur ver­zö­gern, die kön­nern das auch. Mar­ke Haus­mau­er.

 


Die­ser Arti­kel erschien am 10. Okto­ber 2013 in der Tages­zei­tung der Stan­dard und am 13. Okto­ber 2013 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: Gui­do Glu­schitsch