Planlos auf der BMW F 800 R

Die ers­ten Test­ki­lo­me­ter in Nie­der­ös­ter­reich machen Spaß, ver­lei­ten
aber auch zum Kar­ten­le­sen. In Kaprun wird das sicher anders.

Obwohl die Vorrangstraße nach rechts abbiegt, fahre ich nach links. Gleich nach der Kreuzung bleib ich stehen und schau in die Karte, die ich von BMW bekommen habe. Ich soll nämlich die neue BMW F 800 R von Wien ins Burgenland stellen, wo sie morgen ein anderer Journalist übernehmen wird, um mit ihr nach Wien zu fahren. Kurzum, ich bin bei der Fahrzeug-Präsentation und hab aus irgendeinem sonderbaren Grund den Wunsch, die von BMW vorgeschlagene Strecke zu fahren statt einfach nur so am Bandl ins Hotel zu reiten.

So, ich steh ich nun da, unweit von Wie­ner Neu­stadt, und schau ver­lo­ren in die Kar­te, wie mein Fit­ness­coach auf die Aus­wer­tung mei­nes Kör­per­fett-Anteils. Ich habe kei­ne Ahnung, wo ich bin und eigent­lich ist es mir mit jeder Sekun­de, die ich in die Kar­te schau, mehr wurscht. Das Ein­zi­ge, was ich weiß: Ich will nicht nach Wie­ner Neu­stadt.

Blickfang F 800 R

Zwei BMW-Radln fah­ren an mir vor­bei. Und einer der Fah­rer ris­kiert einen Blick auf die F 800 R. Er hat schnell ver­stan­den, dass die hier so neu ist, dass sie erst auf den Markt kommt. Und sie schaut fesch aus, so ganz in weiß, wie ich sie aus­ge­fasst habe, mit dem kna­cki­gen Winds­hield, das sei­ne Arbeit ganz gut ver­rich­tet.

Die BMW F 800 R ist ja nun die letz­te der 800er-Rei­hen-Zwei­zy­lin­der-Serie: nach der S, der ST und der GS. Für die R stand aller­dings was Neu­es im Las­ten­heft: BMW will das dreh­mo­ment­stärks­te Mit­tel­klas­se-Motor­rad bau­en. 86 New­ton­me­ter holen die Bay­ern jetzt bei 6.000 Umdre­hun­gen aus dem 798 Kubik­zen­ti­me­ter gro­ßen Hub­raum – und 87 PS bei 8.000 Umdre­hun­gen. Auf­fäl­lig dabei ist, dass der Motor mit einer Freu­de in den Begren­zer dreht, dass man bes­ser ein Auge auf den Dreh­zahl­mes­ser hat.

Dabei ist das gar nicht so leicht. Der neue BMW-Blin­ker-Schal­ter fas­zi­niert näm­lich unge­mein. Der ist end­lich nor­mal. Na gut, ganz nor­mal ist er nicht, weil die gan­ze Schal­ter­ein­heit jetzt neu ist. Sie basiert statt auf Kabel­sa­lat auf Lei­ter­plat­ten. Das bringt den Vor­teil, dass die Schal­ter meh­re­re Funk­tio­nen auf ein­mal erfül­len kön­nen. Und klar kommt der neue Schal­ter auch bei allen ande­ren BMW-Model­len. Und wie geht es BMW-Chef Fritz Reichl mit dem neu­en Schal­ter? „Frü­her sind wir für unser Blin­ker­schal­ter-Kon­zept geprü­gelt wor­den, jetzt prü­geln sie uns, weil wir davon abkom­men.“

Alkersdorf und Katzelsdorf

Ich bin auch abge­kom­men. Vom Weg näm­lich. Ich fin­de in der Kar­te zwar schon fast wo ich bin, aber die Weg­wei­ser rund um mich zei­gen Orte an die mich nicht inter­es­sie­ren. Für Felix­dorf bin ich nicht glück­lich genug, für Sie­gers­dorf zu lang­sam, Kat­zels­dorf klingt mir zu ita­lie­nisch, Net­ting passt nicht zum bösen Gschau der BMW. Alkers­dorf klingt nach Ein­kehr, Ruhe und Frie­den, ist aber defi­ni­tiv in der fal­schen Rich­tung. Ich pack die Kar­te wie­der ein, star­te die F 800 R und neh­me die Stra­ße, die auch die ande­ren BMWs gefah­ren sind.

Ich durch­fah­re ein paar schö­ne Ort­schaf­ten, flie­ge dazwi­schen über die Land­stra­ße und sto­ße bald auf die bei­den BMWs, die vor mir her­zu­ckeln. Auf dem einen Bock sitzt eine Dame, sie fährt vor­aus. Ihr folgt der Kerl, der sich schon vor­her nach der F 800R umge­dreht hat. Er über­holt sei­ne ver­meint­lich Hol­de und war­tet mei­nen Angriff ab.

Ich denk aber nicht dar­an, in den Ort­schaf­ten für Auf­re­gung zu sor­gen. Da sind mir die bewun­dern­den Bli­cke, wel­che die wei­ße BMW ein­heimst, lie­ber, als her­um­ge­wir­bel­te Geh­stö­cke. Die F 800 R hat einen wun­der­schö­nen Klang und ist dabei nicht auf­dring­lich laut. Die Schwenk-Pleu­el neh­men dem Motor­rad vie­le der Vibra­tio­nen, sagt BMW, aber weil der Motor ein tra­gen­der Teil des Rah­mens ist, rüt­telt die gan­ze Kis­te doch ein wenig. Nicht unan­ge­nehm, eher zum rau­hen Naked-Auf­tritt pas­send. Und wegen des fei­nen Hand­lings — beim Gera­de­aus­lauf schaut der seri­en­mä­ßi­ge Len­kungs­dämp­fer, dass alles passt – muss ich auf­pas­sen, dass ich zwi­schen den nächs­ten Ort­schaf­ten nicht mein Tex­tilg­wandl am Knie anschlei­fe.

Finger hoch, aber welcher?

Die bei­den BMW-Fah­rer, habe ich dann doch irgend­wann geschnupft, schaut aus. Weil wie ich mich etwas gran­tig nach der Orts­ta­fel von Wie­ner Neu­stadt ein­schlei­fe, deu­tet er mir, wie sehr ihm die neue F 800R gefällt.

Mir gefällt sie auch! Sehr sogar. So sehr, dass ich ein paar Stun­den spä­ter, als ich die BMW vorm Hotel an Fritz Reichl über­ge­be, ein bis­serl weh­mü­tig wer­de. Aber er kal­miert gleich: „Bei den BMW-Moun­tain-Days von 21. bis 24. Mai ste­hen ein paar BMW F 800 R zum Tes­ten bereit. In weiß, oran­ge und sil­ber und natür­lich mit allen drei Sitz­hö­hen, von 775, über 800 bis 825 Mil­li­me­ter.“ Und wäh­rend sich Fritz Reichl lang­sam in tech­ni­schen Daten ver­liert, mer­ke ich, wie sich sei­ne Augen wei­ten und er hofft, dass ich in Kaprun kei­ne F 800 R in die Fin­ger krie­ge.

Foto: BMW


Der Arti­kel erschien auf derStandard.at.