Wenn es wieder schneit

Grau­pel­schau­er, Schnee­fäl­le und Eis kön­nen die All­tags­fahrt zur Son­der­prü­fung machen. Dann ist es Zeit, dass wir das Win­ter­au­to schlecht­hin suchen. Fün­dig wer­den wir span­nen­der­wei­se in Opas Gara­ge.

Wien — Mit den weißen Weihnachten wurde es im größten Teil Österreichs ja nichts. Kurz darauf lag aber überall Schnee auf den Straßen. Es ist also höchste Zeit, dass wir uns nach einem gescheiten Winterauto umschauen. Die meisten Menschen denken dabei wohl an einen ordentlich dicken SUV mit Allradantrieb. Wir nicht. Denn gegen einen neuen fetten SUV als Winterauto sprechen dann doch ein paar Details. Zum einen vernichtet man mit einem Einschlag — etwa nach einem schönen gewollten Drift, oder, viel schlimmer, nach einem unschönen, ungewollten Drift in einen Baum — jede Menge Geld. Zum anderen tut einem ein Neuwagen leid, wenn man ihn dem Streusalz aussetzt.

Die guten Alten

Ein ech­tes Win­ter­au­to zeich­net aus, dass es güns­tig ist, wegen ein paar Rost­fle­cken nicht gleich sei­nen Wert hal­biert und vor allem, dass es jede Men­ge Spaß macht. Fün­dig wer­den wir da in Opas Gara­ge, also bei Fahr­zeu­gen aus den 1980er- und 1990er-Jah­ren. Ohne elek­tro­ni­sche Fahr­hil­fen, ohne ABS und ohne Air­bags ist der Fah­rer mehr gefor­dert. Umso lus­ti­ger ist das Fah­ren auf einer schö­nen Schnee­fahr­bahn. Weicht der Schnee dann dem sal­zi­gen Matsch, ist das bei unse­ren Autos auch nicht so tra­gisch. Sie haben schon vie­le sal­zi­ge Win­ter über­stan­den — da kommt es auf einen mehr oder weni­ger auch nicht an.

Wich­tig ist aber natür­lich auch — oder gera­de eben — bei alten Autos die Pfle­ge. Dazu gehört die Wäsche — samt Unter­bo­den — nach dem Aus­flug ins Sol­bad. Unser Win­ter­au­to schlecht­hin ist der Fiat Pan­da 4×4. 1980 brach­te Fiat den Pan­da als Nach­fol­ger des Fiat 126. Gior­gio Giugi­a­ro zeich­ne­te den ecki­gen Klein­wa­gen, der wegen sei­nes eigen­wil­li­gen Aus­sehns und sei­ner angeb­lich vor­zugs­wei­se weib­li­chen Käu­fer bald wenig schmei­chel­haf­te Kose­na­men bekam.

Günstig, praktisch, leicht

Zum Leid­we­sen der Läs­te­rer war der Pan­da aber güns­tig, prak­tisch, recht leicht — und dar­um ein­fach und lus­tig zu fah­ren. Drei Jah­re nach der Markt­ein­füh­rung kam der Pan­da mit zuschalt­ba­ren All­rad­an­trieb auf den Markt. Der All­rad­an­trieb, der kam von Steyr Puch. Dar­um wur­de der Pan­da 4×4 auch gleich im Werk in Graz gefer­tigt. In der ers­ten Serie hat­te der All­rad-Pan­da eine Leis­tung von sanf­ten 48 PS; mit der Ein­füh­rung der von Robo­tern gebau­ten FIRE-Moto­ren — erin­nern Sie sich an die eigen­wil­li­ge Radio­wer­bung in den spä­ten 1980ern? — brach­te es der ers­te Pan­da 4×4 am Ende auf bis zu 54 PS. Die rei­chen, damit man mit dem klei­nen Ita­lie­ner im Schnee und auf Eis ganz läs­sig Krei­se um jeden moder­nen SUV fährt. Ver­spro­chen.

Ein Pan­da 4×4 mit einem Bau­jahr vor 2001 ist nicht ganz ein­fach zu fin­den. Klar, wer einen hat, gibt ihn nicht her. Wer doch einen gut erhal­te­nen und nicht kom­plett ros­ti­gen All­rad-Pan­da fin­det, muss mit einem Preis von min­des­tens 5000 Euro rech­nen. Für unser nächs­tes Win­ter­au­to muss man locker das Dop­pel­te bis Drei­fa­che hin­le­gen — wenn man es denn fin­det. Wer einen Ford Sier­ra Cos­worth 4×4 ver­kauft, hält sich damit nicht lan­ge auf.

Die zwei­te Gene­ra­ti­on des Ford Sier­ra war kaum schö­ner als die ers­te. Dafür wur­de dem Cos­worth ab 1990 ein All­rad­an­trieb spen­diert. Mit dem 220 PS star­ken Vier­zy­lin­der brauch­te er für den Sprint auf 100 km/h kei­ne sie­ben Sekun­den. Im Tro­cke­nen halt.

Allradbremsen haben alle

Es steht außer Fra­ge, wie unter­halt­sam die­ser Antrieb auf rut­schi­gem Unter­grund ist. Trotz­dem möge man immer dar­an den­ken, dass es die zusätz­li­che Trak­ti­on durch die vier ange­trie­be­nen Räder nur beim Beschleu­ni­gen gibt. Auf der Brem­se hat ein All­rad kei­nen Vor­teil. Alle vier Räder brem­sen auch beim Front­trieb­ler. Der 4x4-Cos­si wur­de bis 1993 gebaut und war so gut, dass man sich in der Süd­stei­er­mark zum Beweis die­ser Aus­sa­ge immer noch ger­ne an den Ford-Händ­ler erin­nert, der sich den Wagen gleich bei der Markt­ein­füh­rung zuleg­te — und ihn bis heu­te nicht her­ge­ge­ben hat.

Wirk­lich über­sät­tigt ist der Gebraucht­wa­gen­markt auch bei unse­rem drit­ten Tipp nicht — aber da wird man eher schnell fün­dig.

Am Tiefpunkt

Wer, wenn nicht die Schwe­den, soll wis­sen, wie man ein rich­tig gutes Win­ter­au­to baut? Eben. Zudem spielt uns in die Hand, dass die Prei­se für den Vol­vo 740 gera­de am Tief­punkt ange­langt sind. Es ist also die bes­te Zeit, sich noch schnell einen 740 zu schnap­pen. Kaum jemand möch­te wirk­lich viel Geld für den Wagen zah­len, der wegen sei­nes ecki­gen Designs Bei­na­men wie “schwe­di­scher Zie­gel” oder “Schnee­pflug” bekam. Ab 1000 Euro wird man daher beim 740 schon zum Vol­vo­fah­rer. Dafür bekommt man eine Star­rach­se, Hin­ter­rad­an­trieb und einen Ben­zi­ner mit 114 bis 180 PS — ver­ges­sen Sie die Die­sel, vor allem den Sechs­zy­lin­der-Saug­die­sel der ers­ten Gene­ra­ti­on.

Vol­vo 740, das heißt viel Spaß auf Eis und Schnee, wenn man ein Freund des Über­steu­erns ist. Wer es am Anfang lie­ber vor­sich­tig angeht, fragt bei Opa nach einer alten Trak­ti­ons­hil­fe, einem Zement­sack für den Kof­fer­raum.


Die­ser Arti­kel erschien am 01. Jän­ner 2015 in der Tages­zei­tung der Stan­dard und am 14. Jän­ner 2015 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: Gui­do Glu­schitsch, Vol­vo, Fiat, Ford