Schnelle Fäuste

Dem­nächst fei­ert der Boxer­mo­tor sei­nen 120. Geburts­tag. Ihn zu bau­en bedeu­tet viel Auf­wand. Doch die­ser lohnt sich, wis­sen auch Motor­rad­fah­rer.

Obwohl Mercedes-Benz keinen Boxermotor, geschweige denn ein Motorrad im Programm hat — den Deal mit Ducati machte am Ende Audi, die Sache mit MV Agusta ist noch nicht abgeschlossen -, taucht die Marke am Beginn der Geschichte von Boxer-Motorrädern gleich zweimal auf. Zum einen, weil es Carl Benz war, der 1896 den Boxermotor erfand. Zum anderen, weil Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach mit dem Reitwagen nicht nur das erste Motorrad, sondern das erste Motorfahrzeug überhaupt geschaffen haben. Der Reitwagen war darum natürlich lange vor dem Boxermotor da. Und die Motorradgeschichte von Daimler endet so schnell, wie sie anfängt.

Heu­te ist vor allem BMW dafür bekannt, Motor­rä­der mit Boxer­mo­tor zu bau­en — bei den Auto­mo­bi­len ist die Lis­te der Stars mit Sub­aru, Käfer, Puch, 2CV, dem unsäg­li­chen Alfa Arna und natür­lich Por­sche reich besetzt. Boxer-Motor­rä­der sind aber etwas Beson­de­res — auch wenn sie bereits seit den 1920er-Jah­ren gebaut wer­den.

Die bri­ti­sche Dou­glas Motors Ltd. in Bris­tol und D-Rad in Ber­lin-Span­dau zähl­ten zu den ers­ten Her­stel­lern von Boxer-Motor­rä­dern. Der Zwei­zy­lin­der-Boxer, den D-Rad in der M-23 ein­setz­te, leis­te­te rund drei PS und war, wie die Boxer­mo­to­ren bei Dou­glas, quer ein­ge­baut, also mit den Zylin­dern in Fahrt­rich­tung.

Legendäres von BMW

Wirk­lich legen­där wur­de dann aber die BMW R 32, das ers­te Seri­en­mo­tor­rad von BMW, das 1923 bei der Auto­mo­bil­aus­stel­lung in Ber­lin der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt wur­de. Dabei bau­te BMW — als Bay­ri­sche Flug­zeug­wer­ke — bereits 1919, mit der Heli­os, die ers­te Boxer­ma­schi­ne. Die Heli­os hat­te eben­falls einen quer ein­ge­bau­ten Motor, den M 2 B 15. “Die­ses von Werk­meis­ter Mar­tin Stol­le nach dem Vor­bild der eng­li­schen Dou­glas ent­wi­ckel­te Zwei­zy­lin­der-Boxer-Aggre­gat wur­de an ver­schie­de­ne Abneh­mer gelie­fert. Größ­ter Kun­de waren die Nürn­ber­ger Vic­to­ria-Wer­ke”, heißt es im BMW-Archiv. Der Motor hat­te sei­ner­zeit eine durch­aus beacht­li­che Leis­tung von 6,5 PS und wur­de von Vic­to­ria in der KR 1 ein­ge­setzt.

BMW ent­wi­ckel­te den Motor wei­ter, bis er als M 2 B 33 die eben­so legen­dä­re BMW R 32, das ers­te BMW-Seri­en­mo­tor­rad, antrei­ben soll­te. Sie trug den Boxer längs ein­ge­baut, der Fahrt­wind kühl­te bei­de Zylin­der, aber auch die Aus­lass­ven­ti­le. Zudem nutz­te sie die wei­te­ren Vor­tei­le des Boxers wie den nied­ri­gen Schwer­punkt oder den vibra­ti­ons­ar­men Lauf, weil sich die beweg­ten Mas­sen auf­he­ben. Der gro­ße Nach­teil des Boxers indes ist, dass er deut­lich auf­wen­di­ger zu bau­en ist als ein Rei­hen­mo­tor.

Wäh­rend 1923 der Auf­stieg der Motor­rad­s­par­te von BMW begann — mit dem Motor­rad R 32 schrieb BMW rasch auch noch Renn­ge­schich­te -, begann bei Dou­glas der Nie­der­gang der Mar­ke, obwohl auch die Bri­ten inzwi­schen auf längs ein­ge­bau­te Boxer setz­ten. Steu­er­rück­zah­lun­gen, die in die Mil­lio­nen gin­gen, und ein Feu­er, das 1926 die Fabrik zer­stör­te, mach­ten den Bri­ten das Leben schwer. Die Idee, ein Auto zu bau­en, woll­te kein Erfolg wer­den, statt­des­sen lie­fen bald Flug­zeug­tei­le vom Dou­glas-Band.

Militärgeschäft

Auch BMW war rasch stark im Mili­tär­ge­schäft. Unter ande­rem mit Flug­mo­to­ren, aber auch mit Motor­rä­dern wie dem R-71-Gespann. Angeb­lich war die Rote Armee von der Bei­wa­gen­ma­schi­ne der deut­schen Wehr­macht so beein­druckt, dass die Rus­sen kur­zer­hand beschlos­sen, die­se Maschi­ne im 1941 gegrün­de­ten Irbi­ter Moto­ren­werk, Irbit­ski Moto­zi­klet­ny Sawod, nach­zu­bau­en. Die Ural war gebo­ren. 1946 wur­de die R-71 auch in Kiew unter dem Namen Dne­pr nach­ge­baut.

Wäh­rend es Dne­pr nicht mehr gibt — das Werk schloss vor weni­gen Jah­ren die Tore, weil außer erbar­mungs­lo­sen Fans ohne­dies nie­mand mit dem unzu­ver­läs­si­gen Motor­rad fah­ren woll­te -, baut Ural heu­te immer noch Bei­wa­gen­ma­schi­nen, denen man die Ver­wandt­schaft zur R-71 nicht abspre­chen kann.

Ural wie BMW ent­wi­ckel­ten unab­hän­gig von­ein­an­der den Boxer­mo­tor und die Maschi­ne wei­ter. Wäh­rend BMW heu­te 125 PS aus einem Luft-Was­ser-gekühl­ten Zwei­zy­lin­der-Boxer mit 1170 Kubik­zen­ti­me­ter holt, ver­baut Ural einen luft­ge­kühl­ten Zwei­zy­lin­der-Boxer mit 745 Kubik­zen­ti­me­tern, der eine Leis­tung von rund 40 PS hat. Neu­es­te Inno­va­ti­on dort ist die Ben­zin­ein­sprit­zung.

Aber gera­de das macht die Urals so beson­ders. Eine Fahrt mit einer Ural ist eine Zeit­rei­se. Solo­ma­schi­nen sind bei Ural so sel­ten wie Gespan­ne bei ande­ren Her­stel­lern. Und die­se Eigen­heit macht Ural-Fah­ren noch ein­mal eige­ner.

Wenn dann ein­mal ein Bei­wa­gen nicht an einer Ural hängt, dann ist die Zug­ma­schi­ne meist eine BMW — eine mit Boxer­mo­tor. Irgend­wie schei­nen sich die bei­den gut zu ver­tra­gen. Und so setz­te auch Zünd­app 1937 bei der KS 750 auf einen Boxer­mo­tor. Auf einen ganz beson­de­ren sogar. Um die Anfor­de­run­gen für den Auf­trag eines Wehr­machts­ge­spanns ide­al zu erfül­len, hoben sie die Zylin­der jeweils um fünf Grad an und bau­ten so einen Boxer mit dem außer­ge­wöhn­li­chen Zylin­der­win­kel von 170 Grad.

Grüner Elefant”

Bis heu­te strei­ten Tech­ni­ker dar­über, ob der Motor nun, weil jeder Kol­ben sei­nen eige­nen Hub­zap­fen hat, ein Boxer sein darf oder ob ein Boxer einen 180-Grad-Zylin­der­win­kel haben muss — und fün­fe nie­mals gera­de sein dür­fen.

Der 751 Kubik­zen­ti­me­ter gro­ße Motor leis­te­te — wie die Aggre­ga­te der Kon­kur­renz eh auch — um die 25 PS und beschleu­nig­te das Gespann auf über 90 km/h. Zünd­app setz­te damals, wie es Ural heu­te noch macht, auf vier Vor­wärts- und einen Rück­wärts­gang — bot zusätz­lich aber auch einen Gelän­de­gang an.

Deut­lich bekann­ter ist aber eine ande­re Boxer-Zünd­app gewor­den, die wegen ihres Gewichts, der Far­be und weil sie sich so robust anfühlt, bald den Spitz­na­men “grü­ner Ele­fant” trug. Sie hat­te einen fast 30 PS star­ken Boxer mit bei­na­he 600 Kubik­zen­ti­me­tern und beschleu­nig­te schon damals bis weit über 100 km/h. Der grü­ne Ele­fant war eine Maschi­ne für ech­te Män­ner — und ech­te Män­ner fuh­ren ihr Gespann auch im Win­ter. So wie Ernst Lever­kus, der im Jän­ner 1956 ein Tref­fen für KS 601-Fah­rer auf der Soli­tu­de-Renn­stre­cke bei Stutt­gart ver­an­stal­te­te: das ers­te Ele­fan­ten­tref­fen.

Das Ele­fan­ten­tref­fen gibt es übri­gens heu­te noch. Es fin­det jetzt im Bay­ri­schen Wald statt, unweit der tsche­chi­schen Gren­ze, weil dort die Win­ter beson­ders hart sind.

Rund um das ers­te Ele­fan­ten­tref­fen fällt auch der Anfang vom Ende der BK 350, der Boxer-Kar­dan-Maschi­ne mit 350 Kubik­zen­ti­me­ter Hub­raum, die in Zscho­pau gebaut wur­de. 1951 prä­sen­tier­te man die BK 350 als DKW-Zwei­zy­lin­der­ma­schi­ne, eines der ganz weni­gen Motor­rä­der, das mit einem Zwei­takt-Boxer gebaut wur­de.

Ende einer Ära

1956 trat mit der MZ ES der Nach­fol­ger der BK 350 auf den Plan, und die Genos­sen stell­ten 1959 die Pro­duk­ti­on der auf­wen­di­ge­ren BK 350 ein.

Auf­wen­dig war auch die Arbeit von BMW am Boxer­kon­zept — obwohl mit dem Ende der 1950er-Jah­re die gro­ße Boxer-Ära zu Ende ging. Doch inzwi­schen gehört der Motor so zu Motor­rä­dern von BMW wie zu einem 911er oder einem Sub­aru, dass man das Kon­zept nicht ein­fach fal­len las­sen konn­te. Eine 1200er-GS mit Par­al­lelt­win? Nein. Also tüf­tel­ten die Inge­nieu­re, um die Leis­tung per­ma­nent zu stei­gern, die Abga­se aber immer wei­ter zu sen­ken. So wur­de aus dem luft­ge­kühl­ten Zwei-Ven­til-Boxer bis 2013 ein Luft-Was­ser-gekühl­ter Vier­ven­ti­ler.

Und noch ein Motor­rad­her­stel­ler setzt heu­te auf den Boxer: Hon­da. Ja, es dau­ert ein wenig, bis man die kom­plet­te Palet­te im Geist durch­hat und bei der Gold Wing lan­det. Rich­tig, die wird von einem Sechs­zy­lin­der-Boxer mit 1832 Kubik­zen­ti­me­tern ange­trie­ben. Leis­tung: 118 PS, maxi­ma­les Dreh­mo­ment: 167 New­ton­me­ter. Air­bag, Rück­wärts­gang, 421 Kilo­gramm voll­ge­tankt: Die Gold Wing ist 38.990 Euro teu­er, aber rund­her­um so aus­ge­fal­len und beson­ders, dass man den Boxer­mo­tor schon fast wie­der über­sieht. Wie man ja auch in ers­ter Linie nicht an Mer­ce­des-Benz denkt, wenn man Boxer hört.


Die­ser Arti­kel erschien am 11. April 2014 in der Stan­dard Son­der­bei­la­ge ‘Fünf Jah­re Ron­do­mo­bil’ und am 20. April 2015 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: epa/Armin Wei­gel, Ural, BMW