Viel Stoß, kein Dämpfer

Die Heist Bob­ber ist ein wun­der­schö­ner Crui­ser im Stil einer Har­ley, die so alt ist wie die ver­bau­te Moto­ren-Tech­nik. Aber immer­hin. Bei der Hin­ter­rad­fe­de­rung hat man näm­lich gleich gänz­lich auf Tech­nik ver­zich­tet.

Diabolisch. Das beschreibt das Lachen vom Chef wohl am besten. Das Lachen, das noch minutenlang durch die Redaktion hallte, während unsereins schon demütig auf den Weg zum Auftrag ist. Heist Bobber 250. 3499 Euro. Wunderschön. Gezeichnet im Stil einer Harley der 1920er-Jahre. Peanut-Tank, weit nach vorne verlegte Fußrasten, dafür nach hinten gezogener Lenker. In der Triangel aus Tank, Rasten und Lenker klingelt ein rachitischer 250er-Einzylinder. Schaut doch super aus – der schmale Motor und der zu kurz geratene Tank wirken sogar erfrischend luftig. Wäre da nicht die Sache mit der Feder.

Er habe sei­ne Sün­den abge­büßt, heißt es, der Chef, auf einer ers­ten Run­de mit der Heist Bob­ber, die zwar ame­ri­ka­nisch aus­schaut, aber anschei­nend recht ein­fach in Chi­na zusam­men­ge­baut wird.

Die Kurx an der Bob­ber ist, sie hat kei­ner­lei Fede­rung an der Hin­ter­ach­se. Nur zwei klei­ne Federn im Sat­tel schüt­zen das Kreuz des Fah­rers. Beim aske­ti­schen Chef sind die Federln natür­lich gleich auf Block gegan­gen, als er sein fürst­lich Gestell dar­auf absetz­te.

Ich hab da, doch 50 Kilo leich­ter, mehr Glück und kann die Monroe’schen-Gesetze für mich arbei­ten las­sen: Wo eine Feder da ein Weg. Und so schwin­ge ich auf der Heist Bob­ber durch Wien und ver­steh so gar nicht, was der Chef zum Sud­dern hat. Klar, mit Fede­rung warat alles bes­ser — aber dar­auf kommt es jetzt auch nicht an. Weil die Maschi­ne zieht den Schmäh voll durch. Der Hebel an der rech­ten Hand lässt sich zwar zie­hen und hat einen kla­ren Druck­punkt, ver­zö­gert das gan­ze Gestell aber nicht.

Die Schal­tung ist ein Geschick­lich­keits­spiel für Kraft­lackl, die Kupp­lung stellt bereits nach 50 Kilo­me­tern jede Duca­ti pho­ne­tisch in den Schat­ten. Eine Start-Stopp-Auto­ma­tik hat die Rei­ben auch. Oder so etwas ähn­li­ches. Weil sie stirbt nicht unbe­dingt nur dann ab, wenn man steht, son­dern auch, als ich ver­su­che den Top­speed von 120 km/h zu veri­fi­zie­ren. Es solll mir nicht gelin­gen. Kaum durch­bre­chen wir die 100 km/h-Schall­mau­er, ist die Kling­le­rei im Ber­mu­da­drei­eck vor­bei. Aus­rol­len, anstar­ten, wei­ter geht‘s.

Blö­der­wei­se. Denn was kommt, und was ich über­se­he, ist ein lis­ti­ger Kanal­de­ckel, der sich fünf Zen­ti­me­ter in den Boden ver­zo­gen hat. Bei viel­leicht vier Zen­ti­me­ter Feder­weg folgt ein Schlag, der vom Steiß bis in den Schei­tel geht. Ich wür­de ja mit Hele­ne Fischer „Atem­los“ sin­gen, wenn ich noch Luft bekom­men wür­de. Aber Zwerch- und Trom­mel­fell haben gera­de Platz getauscht.

Das machen wir noch drei wei­te­re Male. Dann geb‘ ich auf, kann auf der Bob­ber kei­nen Meter mehr sit­zend fah­ren und brin­ge dem Chef die Schlüs­sel und Schüs­sel zurück. Er lacht dia­bo­lisch. Mir ist das gera­de wurscht. Ich steh mit mei­nem Lun­gen­riss und dem rau­chen­den Stie­fel, den ich mir am Aus­puff ver­brannt habe, schon auf der Stra­ße und kra­me nach mei­nem Tele­fon. Hof­fent­lich hat mein Zahn­arzt heu­te Zeit, mir die fünf Plom­ben wie­der ein­zu­bau­en.


Die­ser Arti­kel erschien im Motorradmagazin Aus­ga­be 6/Juni 2014.


Fotos: Wolf-Dieter Grabner


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