Vererbungslehre auf italienisch

Auf den Tag genau, 50 Jahre nach dem ersten 595er, bringt Fiat Abarth eine Neuauflage des legendären Rennwagens –, das Design dem Original geschuldet, der Wagen auf 299 Stück limitiert. Gabriele testet den rotzfrechen Frauenschwarm.

Anfang der 1960er Jahre tritt Fiat mit einem ehrgeizigen Projekt an Carlo  Abarth heran. Er soll, auf Basis des 1957 auf den Markt gebrachten Fiat 500, einen Rennwagen bauen. Fiat war bei Abarth an der richtigen Stelle. Der gebürtige Österreicher hatte sich bereits einen Namen als Tüftler und Tuner von ab Werk, aus heutiger Sicht, brustschwachen Wagen gemacht.
50 Jahr' und kein bisschen – genau – leise. Der Abart 595 ist heute wie damals auf Sport getrimmt.

Abarth vergrößerte den Hubraum des Cinquecento auf 595 Kubikzentimeter und holte aus dem Zweizylinder letztendlich 27 PS. Das waren um die Hälfte mehr, als der Ur-500er hatte. Präsentiert wurde der Wagen im September 1963 auf der Turiner Motorshow.

Genau 50 Jahre, nachdem der erste Abarth 595 seine ersten Kilometer lief, bringt Fiat einen Erben, des zur Legende gewordenen, kleinen Rennwagens, das Sondermodell Abarth 595 „50°Anniversario“. Optisch erinnert er an des Original, ist aber komplett auf Neuzeit getrimmt. Und er ist limitiert. Auf 299 Stück. Die Nummer 149 hab ich zum Testen ausgefasst.

Der Abarth ein Frauenauto? Naja, kommt auf die Frau an.

Her mit dem kleinen Italiener

Warum gerade ich? Weil der Fiat 500 gemeinhin als Frauenauto gilt – fesch, wendig, verhältnismäßig klein und unbeschwert zu fahren. Angeblich wollen Frauen bei einem Fahrzeug innen Platz für die Beute aus der einen oder anderen Shoppingtour, aber die Parkplatzsuche in der Stadt möge sich bitte trotzdem nicht zu einem ausweglosen Unterfangen auswachsen. Ich verstehe das ja nicht. Aber genau da holt mich der Abarth 595 ab.

Diese 50-Jahr-Edition ist nämlich eine nachgeschärfte Version des 500ers – und er ist absolut kein Frauenauto. Er ist nicht eimal ein Auto für jeder Mann. Er verlangt von Fahrerin oder Fahrer Rennsportgene und Benzin im Blut – am besten 100 Oktan – denn die genehmigt er sich auch selbst am liebsten.

Optisch erinnert er an das Original von 1963.

Sein Ursprung liegt im Rennsport, und das sieht man ihm schon von Weitem an. Mattweiß lackiert, mit roten Rallye-Streifen, dem 595er Schriftzug auf den Seiten, dem historischen Abarth-Logo auf Kühler und Heckklappe, sowie mit fetten Spoilern steht er da. Prominent prangt der Skorpion auf der Motorhaube – Abarths Sternzeichen und schon zu seinen Lebzeiten Symbol für die Turiner Tuningschmiede.

Wem das an Sportzitaten noch nicht reicht, dem zeigt der 595er seine vier Endrohre, die 17-Zoll-Niederquerschnittreifen und die Brembos. Selbstredend ist er tiefergelegt.

299 Stück dieser Sonderedition sind am Welt-Markt. Also allzu viel wird man hier bei uns nicht zu sehen kriegen. 

Abarth außen und innen

Innen geht‘s sportlich weiter. Halbschalensitze aus Leder, Fünf-Gang-Automatikgetriebe mit Schaltwippen am Lederlenkrad. Damit das Interieur auch ins rechte Licht gerückt wird, hat Fiat im Abarth ein elektrisches Glas-Panorama-Schiebedach verbaut – heute, ob der Klimaanlage nicht unbedingt notwendig, aber ein Tribut an das Schiebedach des Originals. Das Abarth-Logo am Lenkrad, die italienische Flagge als 12-Uhr-Markierung, der 595er-Schriftzug auf den Sitzen und Einstiegen sind ebenfalls gelungene Reminiszenzen – und ganz besonders edel, die Plakette mit der Produktionsnummer.

Charmant: Die Abarth-Plakette mit der Produktionsnummer. In meinem Fall die 149.  Das müssen Sie mir jetzt einfach glauben.

Der Abarth ist auf Sport getrimmt, keine Frage. Die 180 PS, die der 1,4-Liter-Turbo-Vierzylinder-Benziner liefert, lassen ihn in 6,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h spurten. 225 km/h Spitze, sagt das Datenblatt. Im Normalmodus liegen bei 3.000 Umdrehungen 230 Newtonmeter an, im Sportmodus schieben 250 Newtonmeter an.

Das Wichtigste auf einen Blick: Sportknopf, Lederlenkrad und Schaltwippen.

Ganslhaut bei 3000 Umdrehungen

Das Fahrwerk ist knochenhart, mit jeder Bodenwelle ist man gleich auf Du und Du. Beim Lenken verlangt er eine ruhige Hand –, die 205er-Reifen wollen gebändigt werden, vor allem, wenn man die Pferde loslässt. Und das will ich unweigerlich – mit Nachdruck – dem auf den Sport-Knopf.

Danach verlangt schon allein die „Record Monza“ Dual-Mode-Auspuffanlage. Dual-Mode, weil sie bei 3000 Umdrehungen eine Auspuffklappe öffnet und dann noch rotziger klingt. Die Ganslhaut zieht es mir dann richtig auf, wenn der 595er, auf Druck gefahren, durch die vier Endrohre schießt, blubbert und faucht.

Knapp 39.000 Euro kostet der neue Abart 595 in der Sonderedition. Dafür spart man sich die Waschstrasse. Denn der mattweiße Lack bevorzugt Handwäsche.

Fans wird die 50-Jahr-Sonderedition des 595er Abarth also schon alleine wegen des Sounds finden. Frauen und Frauenauto-Versteher werden aber nur wenige darunter sein. Dabei wäre der Abarth, mit seiner Länge von knapp 3,7 Meter und den Parksensoren hinten, ideal für die Stadt. Aber: Er ist laut, hart, und direkt. Das mag auch die Automatik nicht kaschieren. Die künftigen Besitzer aber – die mit den Rennsportgenen und knapp 39.000 Euro in der Portokasse –, die werden Abarths Erbe zu schätzen wissen.


Fotos: Guido Gluschitsch