Ein C für ein S vorgemacht

Die angeb­li­che Mit­tel­klas­se gibt sich bei tech­ni­schen Inhal­ten und sti­lis­tisch wie eine klei­ne S-Klas­se. Im Test: Mer­ce­des C 220 Blue­Tec.

Im ersten Moment glaubt man tatsächlich, da hätten sich die Typenschild-Bekleber bei Daimler jetzt vertan. Das soll der Diesel-Einstieg ins Brot-und-Butter-Segment von Mercedes-Benz sein?

In der neu­en C-Klas­se hat man weni­ger den Ein­druck, dass Mer­ce­des-Benz dem Audi A4 und dem BMW 3er Markt­an­tei­le abknöp­fen möch­te. Viel­mehr schei­nen sich die Stutt­gar­ter die Kun­den kral­len zu wol­len, wel­chen eine S-Klas­se schlicht ein bis­serl zu groß und zu prot­zig ist.

Der kleins­te Tur­bo-Die­sel, der 170 PS und 400 New­ton­me­ter an die Hin­ter­ach­se schickt, bewegt die C-Klas­se ohne Mühen. Das Bild vom Busi­ness­an­zug auf Lauf­schu­hen geht vor dem inne­ren Auge auf. Aber das liegt viel­leicht auch am gehei­men Wun­der­baum, der olfak­to­risch durch die Lüf­tung statt am Rück­spie­gel bau­melt.

Im Hand­schuh­fach befin­det sich ein klei­nes Fla­scherl mit Auto­par­fum, des­sen Duft — ja, sagen wir ein­mal Duft — über die Lüf­tungs­dü­sen ver­teilt wird. In meh­re­ren Stu­fen lässt sich die Stär­ke dosie­ren, von gar nicht bis auf­dring­lich.

Obschon, sol­che Gerü­che hin­ter­las­sen ja leicht den Ein­druck, man möch­te was Unan­ge­neh­mes kaschie­ren. Womit wir wie­der bei Lauf­schu­hen wären.

Mit den Leder­sit­zen braucht die C-Klas­se die Duft­du­sche gar nicht. Zumin­dest nicht, wenn der Wagen neu ist. Aber gut mög­lich, dass das in eini­gen Jah­ren ganz anders ist, wenn der Innen­raum Geschich­ten erzäh­len kann, die am Ess­tisch nichts ver­lo­ren haben.

Auf der ande­ren Sei­te pola­ri­siert der Bild­schirm, der man­chen auf­ge­setzt erscheint. Dabei ist er eine sau­be­re — auch weil man mit den Fin­gern nicht drauf­tap­sen braucht — und galan­te Lösung, die per­fekt zum peni­bel ver­ar­bei­te­ten Innen­raum passt.

Beim gan­zen Rest gibt es nichts zu strei­ten. Die Kli­ma­an­la­ge bläst jenen, die es möch­ten, einen Schei­tel, kühlt für die ande­ren den Innen­raum ab, ohne dass man einen Wind­hauch spürt.

Das Fahr­werk hat eine Band­brei­te von kna­ckig straff bis hin zu sänf­tig weich. Die Len­kung ist exakt, ohne steif zu sein, der Antrieb kräf­tig, wenn auch nicht sport­lich, dafür aber so knaus­rig mit dem Die­sel, als wäre er dop­pelt so teu­er.

Apro­pos: Wer sich brav in der Zube­hör­lis­te ver­liert, baut eine C-Klas­se, die sich auch auf einem ande­ren Weg der S-Klas­se nähert.


Die­ser Arti­kel erschien am 25. Juli 2014 in der Tages­zei­tung der Stan­dard und am 27. Juli 2014 auf derStandard.at/Automobil.


Fotos: Andre­as Stockin­ger