Dampf ablassen auf der Autobahn

Hyun­dai bringt mit dem ix35 FCEV das ers­te Auto mit Brenn­stoff­zel­le in einer Klein­se­rie auf den Markt. Der Ers­te dampft bereits emis­si­ons­los durch Öster­reich – und mit ihm bereits auch der GEWINN.

Eigentlich ist dieses Fahrzeug eine Weltsensation. Es ist eines von den ersten 1000 Serien-Autos, das die Energie für seinen Antrieb aus einer mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzelle gewinnt. Aber trotzdem ist hier nichts ungewöhnlich. Zumindest nicht für jemanden, der schon sicher mehr als ein Dutzend Elektro-Fahrzeuge gefahren ist – und sie, so viel Ehrlichkeit muss sein, sofort verstand und schätzte. Umso eher müsste der Puls jetzt nach dem Starten des Fahrzeuges in die Höhe schnellen. Aber das tut er nicht. Weil eben nichts neu ist. Es gibt kein Motorengeräusch beim Starten, es ruckelt nichts, alles bleibt, wie es den Augenblick zuvor war. Nur ein kleines „Ready“ erscheint im Display. Sonst nichts.

Nicht ein­mal, dass die Kli­ma­an­la­ge aus­ge­schal­tet ist, ver­wun­dert. Gelernt ist gelernt. Sie braucht Unmen­gen an Ener­gie. Das fällt bei einem kon­ven­tio­nell betrie­be­nen Fahr­zeug nicht wei­ter auf, weil die Ver­bren­nungs­mo­to­ren so inef­fi­zi­ent sind, dass der rund hal­be Liter zusätz­li­che Ver­brauch nicht stär­ker ins Gewicht fällt als drei miss­ach­te­te Geschwin­dig­keits­be­gren­zun­gen, ab und an aus­ge­dreh­te Gän­ge oder eine Rei­he von roten Ampeln. Bei E-Autos ist das anders. Hier ist die spär­li­che Ener­gie in den Akkus höchst wert­voll. Die E-Moto­ren sind so effi­zi­ent, dass jedes Ladungs­teil­chen ein Stück Weg ist. In E-Fahr­zeu­gen ent­schei­den die Kli­ma­an­la­ge, die Geschwin­dig­keit, die Art, wie man beschleu­nigt und ver­zö­gert, dar­über, ob man sein Ziel über­haupt erreicht.

100 Kilometer je Kilo

Mit etwas mehr als 400 Kilo­me­tern gibt das Dis­play die Reich­wei­te mit der aktu­el­len Tank­fül­lung an. Ja, Tank­fül­lung stimmt in die­sem Fall. 5,64 Kilo­gramm Was­ser­stoff pas­sen in die bei­den Tanks im Kof­fer­raum. Dafür müs­sen die fast sechs Kilo­gramm aber mit rund 700 bar kom­pri­miert wer­den. So gehen auch nur ein paar Liter vom Kof­fer­raum-Volu­men ab, und es blei­ben derer statt­li­che 465. Mit vol­len Tanks kommt man bei­na­he bis zu 600 Kilo­me­ter weit.

Doch die­se Anga­ben ken­nen wir ja. Bei E-Autos schaut das dann meist so aus, dass die Reich­wei­te „bis zu 150 Kilo­me­ter“ beträgt – und im Klein­ge­druck­ten steht: „Wenn sie das Gas­pe­dal nicht wei­ter als einen Mil­li­me­ter bewe­gen, Licht, Radio und Kli­ma­an­la­ge aus­ge­schal­ten haben und Ihnen der Rücken­wind hold ist.“ Doch E-Mobi­li­tät ist eben ein wenig anders, und wenn man sie erst ein­mal ver­stan­den hat, dann ist sie rich­tig edel und nobel. Allein die Geräusch­lo­sig­keit gibt den Fahr­zeu­gen eine Wer­tig­keit, die eine Rund­um-Ver­klei­dung aus Alcant­a­ra nie sug­ge­rie­ren könn­te.

Idealbedingungen für die E-Mobilität

Bei die­sem Ter­min steht dem Hul­di­gen der neu­en, zukunfts­wei­sen­den Mobi­li­tät nichts im Wege. Der nächs­te Ter­min ist in wei­ter Fer­ne. Rund 50 Kilo­me­ter auf der einen Ach­se, fast zwei Stun­den auf der ande­ren. Also ist eine Bum­mel­fahrt auf der Land­stra­ße ange­sagt. Es ist ange­nehm kühl, die Kli­ma­an­la­ge braucht heu­te kein Mensch. Idea­le Bedin­gun­gen eben.

Rund 45 Minu­ten spä­ter, am Ziel ange­langt, zeigt die Reich­wei­te noch immer fast 400 Kilo­me­ter an. Was für eine schö­ne Über­ra­schung. Doch die böse folgt auf den Fuß. Das Hand­werks­zeug für den anste­hen­den Ter­min liegt nicht im Kof­fer­raum, son­dern ist aus irgend­ei­nem Grund in Wien lie­gen geblie­ben. Hek­tik kommt auf.

Rein rech­ne­risch geht es sich auf der Zeit­ach­se aus, zurück zu fah­ren, die Trüm­mer zu packen und wie­der her zu kom­men. Aller­dings kann der Weg dann nur über die Auto­bahn füh­ren – und das mit guten 130 km/h. Bum­meln ist nicht mehr. Doch wie sieht das dann mit der Reich­wei­te aus? Wie schnell lee­ren sich die Was­ser­stoff­tanks auf 100 Kilo­me­ter scho­nungs­lo­ser Auto­bahn­fahrt? Wer­den dann plötz­lich aus 400 Kilo­me­tern Reich­wei­te ganz schnell 100? Zudem hat die Son­ne die Wol­ken besiegt und eine Kli­ma­an­la­ge ist ob der feh­len­den Dusch­mög­lich­keit am Ziel ein guter Tipp.

Hin, retour, hin und dann?

Soviel ist schnell klar: Der Ter­min geht sich aus. Von der Zeit her, von der Tem­pe­ra­tur her, vom Weg her. Doch ob der Hyun­dai dann noch aus eige­ner Kraft wie­der zurück nach Wien kommt, zur ein­zi­gen Was­ser­stoff-Tank­stel­le in Öster­reich, wird eine Fra­ge sein, die sich erst nach dem ach so wich­ti­gen Ter­min lösen wird.

Der res­sour­cen­scho­nen­de Eco-Modus muss dem „Vol­le Power“-Modus wei­chen. Das Gas­pe­dal küsst unsanft die Boden­plat­te. Die Höchst­ge­schwin­dig­keit von 160 km/h wird der Tacho­me­ter nicht anzei­gen, aber über die 130 km/h schum­melt er sich doch. Das Sys­tem läuft jetzt sicher am Limit. Dar­um folgt auch hin und wie­der ein Blick in den Rück­spie­gel, ob hin­ter dem Hyun­dai eine nas­se Spur den Asphalt ziert.

Denn in der Brenn­stoff­zel­le wird der Was­ser­stoff wie­der zu Was­ser oxi­diert. Die dabei frei wer­den­de Ener­gie speist den E-Motor. Aus dem End­rohr des Aus­puffs kommt also im Regel­fall rei­ner Was­ser­dampf – aber bei Auto­bahn­ge­schwin­dig­keit und kli­ma­ti­sier­ten 20 Grad im Wagen­in­ne­ren, wür­de es nicht ver­wun­dern, wenn aus dem End­topf ein klei­nes Bach­erl fließt. Tut es aber nicht. Man sieht nichts, riecht nichts, hört nichts. Außer viel­leicht den Ver­kehr rund um einen und das Rei­fen­ab­roll­ge­räusch.

Starker Sprint

Das schärft die Sin­ne für das Fah­ren an sich. Kein brül­len­der Motor, der einen glau­ben macht, der Wagen beschleu­ni­ge wie wahn­sin­nig, dabei ist er nur laut. In 12,5 Sekun­den beschleu­nigt er aus dem Stand auf 100 km/h. Dabei füh­len sich die ers­ten 50 km/h super­sport­mä­ßig an – die 100 kW, umge­rech­net 136 PS und das Dreh­mo­ment von 300 New­ton­me­ter lie­gen ja qua­si ab 0 Umdre­hun­gen an. Je höher die Geschwin­dig­keit wird, des­to gerin­ger wird die Beschleu­ni­gung. Über 140 km/h müht sich das Sys­tem sicht­lich – auf der deut­schen Auto­bahn wür­de es das halt machen.

Doch die liegt nicht am Weg. Und die inter­es­siert im Moment auch nicht. Viel mehr über­wiegt die Erleich­te­rung, zehn Minu­ten vor dem Ter­min, mit­samt dem Werk­zeug am Ziel zu sein. Zu der gesellt sich die Freu­de dar­über, dass inzwi­schen klar ist, dass es kei­ne Schlepp­hil­fe für den Heim­weg brau­chen wird. Etwas mehr als 200 Kilo­me­ter nach der Abfahrt und bei der Ein­fahrt zu Öster­reichs der­zeit ein­zi­ger Was­ser­stoff-Tank­stel­le in der Shut­tle­worth­stra­ße in Wien 21 zeigt der Brenn­stoff­zel­len-Hyun­dai immer noch einen halb­vol­len Tank und eine Restreich­wei­te von 250 Kilo­me­ter an.

9 Euro für 100 Kilometer

Trotz­dem will das Ver­spre­chen, dass der Tank­vor­gang nicht län­ger als bei einem kon­ven­tio­nell betrie­be­nen Fahr­zeug dau­ert, bewie­sen wer­den. Und auch da passt alles. Den FCEV zu tan­ken, ist sim­pel und geht schnell. Zudem macht man sich dabei nicht schmut­zig und braucht sich nicht um Hand­schu­he bemü­hen, wenn man nicht will, dass das Lenk­rad die nächs­ten Stun­den die Rol­le eines Die­sel-Wun­der­baums spielt. Auch kei­ne böse Über­ra­schung gibt es beim Zah­len: Ein Kilo­gramm Was­ser­stoff, das für rund 100 Kilo­me­ter reicht, kos­tet 9 Euro.

Und wenn wir schon beim lie­ben Geld sind: Kau­fen kann man den ers­ten Seri­en-Brenn­stoff­zel­len-Wagen nicht – ledig­lich mie­ten. Um 1816 Euro. Und auch das nur für vier Jah­re. Danach zieht Hyun­dai den Wagen wie­der ein und unter­sucht ihn im Werk bis ins letz­te Detail. Die Erkennt­nis­se flie­ßen dann in die Ent­wick­lung fol­gen­der Gene­ra­tio­nen ein. Das klingt ein wenig wie ein Test­fahr-Ange­bot, das gar nicht so güns­tig ist. Aber das ist gestan­de­nen Ear­ly-Adop­tern ohne­dies nicht neu.

Den Hyun­dai ix35 FCEV nach einem nur weni­ge Stun­den dau­ern­den Test wie­der zurück­ge­ben zu müs­sen, ist nicht leicht. Ein per­sön­li­ches Novum bei einem SUV. Zuge­ge­ben. Aber da ist ja noch nicht klar, dass wir uns bald wie­der sehen wer­den. Der nächs­te Weg führt näm­lich zwar nach Hau­se, der dar­auf fol­gen­de aber direkt wie­der zurück zum Brenn­stoff­zel­len-Hyun­dai. Denn das Hand­werks­zeug vom vor­an­ge­gan­gen Ter­min liegt nicht daheim, son­dern ist aus irgend­ei­nem Grund im ix35 lie­gen geblie­ben.


Die­ser Arti­kel erschien in der Sep­tem­ber-Aus­ga­be des GEWINN und am 02. Sep­tem­ber 2014 auf gewinn.com.


Fotos: Gui­do Glu­schitsch