Auf den Hasen gekommen

1974 brach­te VW den ers­ten Golf auf den Markt. Vier Jah­re spä­ter leg­ten sie das Son­der­mo­dell Rab­bit nach und schrie­ben Erfolgs­ge­schich­te. Die sie­ben­te Gene­ra­ti­on steht heu­er in den Star­lö­chern. Gabrie­le macht sich auf die Suche nach Gene­ra­ti­on Num­mer 1.

Mit glasigen Augen sitzt sie mir gegenüber. „Ich hab mich getrennt“, platzt es aus meiner Freundin Christl heraus, „die ganzen Jahre über hat er mich nie im Stich gelassen. Aber in letzter Zeit… Ich konnte mich nicht mehr auf ihn verlassen.“ Ich kann mir ein Lächeln kaum verkneifen. Gottseidank, denk ich mir, es ist höchste Zeit. Dieser Typ hat nie zu ihr gepasst. Während ich krampfhaft nach einer blumigen Umschreibung meiner Gedanken suche, kramt Christl in ihrer Tasche. Und bevor ich den Mund aufmachen kann, hält sie mir ein Foto unter die Nase. „Schau, da waren wir gemeinsam in Italien. Ohne Probleme hat das vor ein paar Monaten noch geklappt“, sagt sie.

Mein Lächeln stirbt. Das Foto zeigt nicht ihren Freund, son­dern einen Laub­frosch-grü­nen 1er Golf – ihr ers­tes Auto. Sie hat­te ihn von ihrem Vater zur Matu­ra bekom­men. Schon mit eini­gen Gebrauchs­spu­ren, die ihm jetzt anschei­nend zum Ver­häng­nis gewor­den sind.

Vom Alltagsauto zum Youngtimer

Zu mei­ner Ver­tei­di­gung muss ich sagen, dass ich es damals noch nicht so mit Autos hat­te, schon gar nicht mit ein wenig in die Jah­re gekom­me­nen. Auf­ge­wach­sen als Toch­ter eines bis dato glü­hen­den Opel-Fah­rers und Schwä­ge­rin eines Jüng­lings, der den alten Fami­li­en-Maz­da zusam­men­rei­ten muss­te, waren die Berüh­rungs­punk­te mit VW und Golf spär­lich. Aber mit den Jah­ren hat sich so eini­ges geän­dert. Christl ist inzwi­schen wie­der glück­lich, was mehr an ihren bei­den Kin­dern, Mann, Haus und Hof liegt als am neu­en alten 1er Golf, den sie eh nicht hat. Und ich bin see­lig, wenn ich irgend­wo einen Old- oder Young­ti­mer sehe.

Zu denen gehört der 1er Golf mitt­ler­wei­le. 1974 lief er erst­mals vom Band. Die letz­ten Göl­fer der 1er-Rei­he ver­lie­ßen 1983 das Werk in Wolfs­burg. Dazwi­schen, 1978 – der mil­li­ons­te Golf war bereits ver­kauft – , mach­te VW aus einer Not eine Tugend und leg­te mit der Son­der­edi­ti­on Rab­bit noch ein Schäuf­chen nach. In die­sem Jahr hat­te VW näm­lich einen Deal mit Chrys­ler über die Lie­fe­rung von rund 200.000 Stück 70 PS Moto­ren. Da blieb für Moto­ren der eige­nen Wagen kei­ne Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät mehr übrig. Dar­um stopf­ten sie den bestehen­den 50 PS, 1,1-Liter Vier­zy­lin­der Golf zwar mit eini­gen Extras aus dem Zube­hör­ka­ta­log voll, ver­kauf­ten ihn aber zu einem recht güns­ti­gen Preis. Seit damals hat es sich in die Köp­fe der Leu­te gebrannt, dass man mit einem Rab­bit viel Auto um mode­ra­tes Geld bekommt. Die neue, sie­ben­te Gene­ra­ti­on Rab­bit steht schon in den Start­lö­chern, um die­se Tra­di­ti­on fort­zu­füh­ren.

Hasenjagd

Alten, ori­gi­nal erhal­te­nen Hasen begeg­net man auf den Stra­ßen aller­dings noch sel­ten. Und wenn doch mal ein Young­ti­mer-Golf um die Ecke kommt, ist es eher ein GTI mit sehr spe­zi­el­len, dem Geschmack und der Per­sön­lich­keit des Besit­zers Rech­nung tra­gen­den Modi­fi­ka­tio­nen.

Erst in Groß­reif­ling in der Stei­er­mark sind wir auf den Hasen gekom­men. Dort, im Auto­haus Ber­ger, hat vor Jah­ren ein Kun­de sei­nen Rab­bit aus der ers­ten Gene­ra­ti­on gegen einen neue­ren ein­ge­tauscht. Her­mann Ber­ger seni­or hat ihn kon­ser­viert und behal­ten. Wes­halb genau, weiß er gar nicht mehr so rich­tig. Das ist aber auch neben­säch­lich, Haupt­sa­che, der Hase läuft. Kurz vor unse­rem Besuch in der Stei­er­mark haben ihn die Mecha­ni­ker noch­mal durch­ge­checkt, auf Hoch­glanz poliert und Ben­zin nach­ge­füllt. Damit der Hase nicht doch zu hop­peln beginnt.

Davon kann aber kei­ne Rede sein. Ein­mal an der Zün­dung gedreht und der Golf springt an. Mühe­los bewäl­tigt er selbst nach mehr als 30 Jah­ren die gewun­de­nen Berg­stra­ßerln der Ober­stei­er­mark. Bei nur rund 750 Kilo­gramm rei­chen sei­ne 50 PS auch locker aus. Gut, er hat kei­ne Ser­vo­len­kung, kei­ne Kli­ma­an­la­ge, die Schalt­we­ge vom 1. bis zum 4. Gang sind etwas wei­ter, als man es heut­zu­ta­ge gewöhnt ist, und womög­lich wür­de es auch den einen oder ande­ren irri­tie­ren, dass man in die­sem Auto noch fühlt, wie es arbei­tet, und nicht jeg­li­cher Sin­nes­ein­drü­cke beraubt wird, wie in den meis­ten heu­ti­gen Autos. Aber genau das ist es, was alte Autos und in die­sem Fall den 1er Rab­bit so span­nend macht. Da kannst, wenn es sein muss, noch sel­ber ein­mal zan­geln, tauchst dabei ein in die Mate­rie Auto und ver­stehst die Tech­nik unter der Karos­se­rie – da fährst noch du mit dem Auto, und nicht das Auto mit dir. Ich muss an die Christl den­ken. Und heut ver­steh ich sie, als ich mich nach einem kur­zen gemein­sa­men Aus­flug mit gla­si­gen Augen vom Golf ver­ab­schie­den muss.