Die Rekord-Taune von 1963

2012 sorgt ein Mann für Schlagzeilen, weil er aus dem All auf die Erde springt. Vor 50 Jahren macht Ford Schlagzeilen, weil sie einen Taunus auf den Mond fahren.

Als Michel Gramond aus dem Beifahrerfenster klettert, flucht er. „Scheiße! Jetzt ist alles vorbei. So kurz vorm Ziel.“ Sekundenschlaf nach 284.275 Kilometern. Wer will ihm das übel nehmen? Oh, da hätten sich am 29. Oktober 1963 um 2:00 Uhr früh gleich ein paar gefunden, die da sauer gewesen wären. Doch von Anfang an:
148 Weltrekorde hat dieser Wagen gebrochen. Er ist ein Held. <br> Aber gut, Bruce Willies sieht am Ende seiner Filme auch immer etwas mitgenommen aus.

Im Sommer 1963 krallt sich Ford Deutschland einfach bei einem Händler einen x-beliebigen Taunus 12 M P4, malt ihm rote Streifen auf die Seite, damit er sportlicher aussieht, und reißt ihm die Rücksitzbank sowie die Teppiche raus. Der 40 PS starke Taunus soll, so wie er vom Band gekommen ist, schnell einmal einen Rekord aufstellen, der nicht nur Ford, sondern auch BP eine gute Werbung sein soll. 300.000 Kilometer soll die Taune, die inzwischen „Mino“ getauft wurde, im Oval von Miramas, im Rhone-Delta, unweit von Marseille, abspulen. Und das, wenn möglich, bitte schneller als der 30 Jahre vorher extra dafür aufgebaute Citroen.

Die Sitze müssen nur deshalb aus dem Auto heraus, weil bis auf Reifen, Öl und Benzin alles, was man für Reparaturen braucht, im Auto sein muss. Damit dem auch wirklich so ist, sind – neben den fünf Fahrern, dem Ersatzfahrer, sechs Mechanikern, vier Fahrleitern und dem „Chef d‘Equipe“ Jean Pelletier, Leiter der technischen Abteilung der BP in Frankreich – auch Kommissäre der FFSA die ganze Fahrt über anwesend.

Ford wählt das Rhone-Delta für die Rekordfahrt, unter anderem wegen des mitunter rauen Wetters.Nach dem Überschlag war die Mino keine rechte Augenweide mehr.

Eine Taune macht den Sputnik
Am 10. Juli 1963 zu Mittag fällt der Startschuss in Miramas, jenem Oval, das Ford extra für das Projekt Mistral 300.000 renoviert hat. Eine halbe Million Franc lassen sich Ford und BP die Rekordjagd kosten. Alle drei Stunden wechseln sich die Fahrer ab. Nur zum Tanken, Öl- oder Reifenwechseln kommen sie in die Box. Im Grunde beherrscht aber die Monotonie den Alltag der Fahrer. Rennfahrer darf man gar nicht sagen, weil keiner der Piloten je ein Rennen fuhr. Sie sind Tankwagenfahrer. Zuschauer gibt es außer den Schafen der Gegend kaum welche. Wer schaut sich schon auch 117 Tage lang einen Ford Taunus 12 M an, der auf einem etwas mehr als fünf Kilometer langen Rundkurs den Sputnik macht.

Drum sieht es auch niemand, als Michel Gramond in der 56.687. Runde nach 284.275 Kilometern für ein Sekündchen wegdöst. Allein dem Taunus gefällt das nicht, er weckt Gramond durch das sanfte Rütteln, das bei einem dreifachen Überschlag entsteht. Michel Gramond bleibt unverletzt, ist aber stinksauer auf sich selbst. Der Taunus – naja, wie soll ich sagen – schaut aus, als wäre er Spielball beim 24-Stunden-Autocross gewesen.

So knapp vorm Ziel wegen menschlichem Versagens zu scheitern, das hat niemand angedacht. Wenn der 1,2-Liter große V4, der Tag und Nacht am Limit getreten wird, in Rauch aufgeht, ja, dann ist Ende. Wenn die Taune eine Achse verliert, der Tank explodiert,  oder sich die Maya kurzerhand um 50 Jahre verrechnet haben, ja, dann hätte man aufgeben können. Aber doch nicht, weil einer der Fahrer wegnapselt.

So sah er aus, der 12 M P4, bevor er losfuhr. Ein Ford-Fan hat ihn nachgebaut.

Wer sein Auto liebt, der schiebt
Gramond war nach dem Rumpler eh gleich wieder ganz munter. Der Taunus stand auf den Rädern und auf der Strecke. Also begann Michel Gramond den 12 M in die Box zu schieben. Das erlaubt das Reglement nämlich.

Elf Stunden schraubten die Mechaniker in der Box. Es hat sich also doch ausgezahlt, dass sie ein Schweißgerät in den Taunus legten – so konnten sie die Vorderradaufhängung wieder zusammenbrutzeln. Die Ersatz-Windschutzscheibe hat den Triple-Salto überstanden. Die Mechaniker klebten sie mit Tape an den Wagen. Die Motorhaube banden sie mit einem Gurt nieder, bauten einen Ersatzscheinwerfer auf den von nun an zyklopesken 12 M, und er wurde wieder auf die Piste geschickt.

Augenweide war der Taunus also keine mehr, als er am 4. November 1963 um 21:18 Uhr die 300.000 Kilometer Marke durchfuhr. In 117 Tagen ist er 59.823 Runden gefahren. Und er hat den Rekord gebrochen: Durchschnittsgeschwindigkeit 106.49 km/h.

Die Mino gibt es heute noch, ist Privatbesitz und Alexander Franzen hat sie gefunden und fotografiert.

Hängt sie höher, die Messlatte
Aber weil der 12 M noch immer fährt, als wäre nix, nimmt die Mannschaft einfach die Messlatte zur Hand und legt sie höher: Wir wollen auf den Mond, lautet von nun an das Credo. Sprich: Der Taunus soll 356.430 Kilometer auf der Uhr haben, bevor er ausschnaufen darf. Das ist die Entfernung, die man damals als die kürzeste zwischen Erde und Mond annahm. Also fuhren die fünf Piloten weiter im Kreis.

Am 14. November 1963 laden Ford und BP 250 internationale Journalisten nach Miramas, um ihnen vom Triumph zu erzählen. Um Mitternacht taucht im Pressezelt kurz der Mino auf – er machte einen Abstecher von der Rennstrecke zu den Journalisten – ist aber genauso schnell wieder weg, wie er gekommen ist, und spult weiter Runde um Runde ab.

Zwei Wochen später ist auch dieses Ziel erreicht. Am Tag darauf haben die Fahrer genug und stellen am 29. November 1963 um 12:00 Uhr den Mino ab. Er ist 358.273,8 Kilometer gefahren. Er brauchte für die 71.443 Runden 142 Tage und schaffte dabei einen Schnitt von 105,15 km/h. Der 30 Jahre alte Rekord über 300.000 Kilometer, der mit einem eigens dafür aufgebauten Citroen gefahren wurde, hat Ford mit einem ganz normalen Auto geschlagen. Und nebenbei noch weitere 144 Weltrekorde aufgestellt. Mit einem Ford Taunus 12 M, von dem Pelletier schon vor einem Monat sagte, dass „selbst ein Schrotthändler keine 250 Francs mehr dafür zahlen würde. Schon gar nicht mit dem Kilometerstand.“

Die Radkappen hatten die Mechaniker schon vor dem Start abmontiert, um die Reifen rascher wechseln zu können.Ein Blick in alte Ford-Unterlagen zum Projekt Mistral 300.000.

Einfach nicht kaputtzukriegen
Die Fahrer wollten nach über fünf Monaten nach Hause, Weihnachten mit der Familie feiern. „Wir hatten unseren Spaß“, sagte einer der Fahrer, nachdem der Taunus abgestellt worden war, „Wir sind müde und fürchten, dass Fahrgestell und Motor einfach nicht kaputtzukriegen sind.“ Zudem war eine Woche zuvor John F. Kennedy in Dallas erschossen worden. Das öffentliche Interesse an der Rekordfahrt verblasste im gleichen Maße, wie die Schönheit des Mino nach seinem Überschlag schwand.

Noch am 23. November 1963 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Da der 12 M bestenfalls eine Spitze von 130 km/h schafft, und da ihm die Tank-, Kontroll- und Reparaturpausen nicht gutgeschrieben werden, mussten die 300.000 Kilometer praktisch mit Vollgas gefahren werden. Dass das möglich wäre, haben sich wohl nicht einmal die Konstrukteure des allerdings sehr robusten, gut gekühlten und drehfreudigen 4-V-Motors träumen lassen. Obwohl der Alltagsfahrer seinem Gefährt derartige Monsterleistungen kaum abfordert, darf es ihn interessieren, welche Gegenleistungen ein moderner Tourenwagen dafür erwartet. Der Durchschnitts-Treibstoffverbrauch des Rekord-12 M lag bei 8,28 Liter auf 100 Kilometer. Ein Ölwechsel wurde nach jeweils 18.750 Kilometer vorgenommen, und nach je 3000 Kilometern wurde ein viertel Liter Öl nachgefüllt. In keinem Fall verweigerte der 12 M unterwegs seinen Dienst, es gab – vom Unfall abgesehen – unterwegs keine Panne. Alle Arbeiten waren nur von der sichernden Art, wie sie ein um seinen Wagen besorgter Alltagsfahrer in seiner Werkstatt gleichfalls ausführen lässt. Diese beruhigenden Erkenntnisse, am Rande einer ungewöhnlichen Rekordfahrt gepflückt, sind am Ende mehr wert als der Rekord selbst.“

Was die Frankfurter Allgemeine nicht aufzählt, sind die Tiere, die während der Rekordfahrt ihr Leben lassen mussten. An die 20 Feldhasen kreuzten die Rekordfahrt des Mino, zwei Fasane, fünf Nattern, eine Aspisviper und massenhaft Igel, sowie ein Hund. Vor allem wegen der Igel montierten die Techniker dann eine kleine rote Leuchte hinten links an die Taune. Die schaltete der Fahrer nach einem Zusammenstoß ein, damit man das tote Tier von der Strecke holen konnte und die Boxencrew schon einmal Bescheid wusste.

Ein Scheinwerfer musste am Ende reichen, um den Mond zu erreichen.

Rühmliches Ende
1995 waren dann auch die Tage des Rekord-Taunus gezählt. Er sollte verschrottet werden. Doch das ließ Frank Rousset nicht zu. Er richtete die Bremsen und die Wasserpumpe und tingelt seither zu diversen Ford-Oldie-Treffen.


Herzlichen Dank an Alexander Franzen, der so freundlich war, uns einige der Fotos zur Verfügung zu stellen. Auf seiner Homepage finden sich viele weitere spannende Geschichten zum Taunus 12 M P4.


Auf Alexander Franzens Seite finden sich neben vielen Fakten zum Projekt Mistral 3000 auch zwei Videos.


Fotos: Alexander Franzen, Ford