Die Gesichtsbremse als Stylingmerkmal

Mit 150 Kubik­zen­ti­me­tern hat der Yama­ha Xen­ter das Alzerl mehr Moach als die 125er, steht auf gro­ßen Rädern und die­ser Tage auf Win­ter­rei­fen.

Im November hab ich noch eine dicke Lippe riskiert. Als noch weit und breit keine Spur von Winter war, hab ich den Alex angerufen: „Machma im Schnee ein Hatzerl im leichten Gelände? Ich mit der Enduro, du mit der Vespa. Was sagst.“ Der geneigte Leser erinnert sich vielleicht noch an den Alex Jirsa und seine Vespa, die er so am Hinterradl herumfährt, dass man meinen möchte, es koste extra, wenn man mit beiden Rädern die Straße benutzt. Und dementsprechend sagt der Alex: „Passt, machma. Aber fahren wir auf Eis, das ist geiler. Sag zwei Tag vorher, dann schraub ich mir ein paar Spikes in die Gummis.“
155 Kubik und 15,5 PS: Der Yamaha Xenter.

Äh ja, so war das nicht gemeint. Ich wollt ein­mal, ein ein­zi­ges Mal, bes­ser sein als der Alex. Mit dem Tau­nus hat er die gan­ze Drift Chal­len­ge paniert – also kauf ich ihm den Tau­nus ab –  und lass mich von der gan­zen Drift Chal­len­ge panie­ren, wäh­rend der Herr Alex in einem alten Cosi, den er erst ein paar Tage hat, den Sieg ein­fährt. Sehr gschma­ckig.

Also dach­te ich mir, ich muss was suchen, was gar nicht geht. Die Ves­pa auf Schnee im Gelän­de etwa, gegen eine renn­fer­ti­ge Hard-Endu­ro mit Win­ter­rei­fen. Rech­net da wer, dass einer nach­schärft und sich Spax in die Rei­fen schraubt? Nur so zwecks der Gau­de? Eben.

Das Cockpit. Eigenwillig.

Aber jetzt hab ich ein Gerät aus­ge­fasst, damit könnt ich den Alex in einem Ver­gleichs­test dabie­gen. Er kriegt einen 0815 – 125er-Rol­ler, ich nehm, was mir Yama­ha grad zuge­steckt hat. „Wenn du eh nicht Ski fährst, fahr den Rol­ler. Hat sogar Win­ter­rei­fen drauf“, sagt der Richie, als er mir den Schlüs­sel vom Xen­ter in die Hand drückt.

Der Xen­ter hat 155 Kubik­zen­ti­me­ter und damit das Alzerl mehr Kraft, das den 125er dane­ben irgend­wie madig erschei­nen lässt. Ob der Win­ter­rei­fen das dann auch noch auf die Stra­ße bringt? Aber über­ra­schend locker. Drau­ßen fällt Schnee. Die Stra­ßen sind nass, in machen Ecken und auf unge­sal­ze­nen Fle­cken fär­ben sie sich sogar weiß. Aber der wei­che Gum­mi des „Urban Mas­ter Snow“ pickt am Asphalt wie Kau­gum­mi im Haar. Wenn ich mich trau­en wür­de, Schräg­la­gen zu fah­ren, ich trau mich wet­ten, das gin­gert auch.

Furchen wider die Furcht: Der "Urban Master Snow" pickt am Asphalt wie Kaugummi im Haar.

Aber es frie­ren mir nicht nur die Prat­zen am Len­ker fest, son­dern mit dem offe­nen Helm auch die Rotz­glo­cken unter der Nasen­spit­ze. Da ist es dann bei mir nicht mehr so weit her, mit dem Mut. Da ver­trägt der Rei­fen viel mehr als ich. Nicht ein­mal auf der Brem­se gibt es ein Pro­blem. Das liegt aber auch dar­an, dass die­se zubeißt wie mei­ne Oma, wenn die Kla­via­tur noch im Glasl am Nacht­kastl schwimmt. Obwohl, viel­leicht ist es eh gut.

Nur als ich mich wie­der an den Jir­sa erin­ne­re, mit etwas Über­schuss auf eine Kreu­zung zufah­re und mit den Brems­he­beln bes­se­re Fin­ger­übun­gen mache, ver­zerrt sich mein Gesicht. Die Augen wer­den groß wie die Schein­wer­fer vom Xen­ter, Paus­back­erl wach­sen mir, weil ich nicht aus­at­men mag – aus Angst, es könn­te ein elen­di­ger, wim­mern­der Schrei wer­den. Jeden­falls, in dem Moment schau­en der Xen­ter und ich uns sehr ähn­lich. Und ja, man kann sagen, wir sind bei­de kei­ne Schön­heit. Bleich und glub­schäu­gig. In schwarz, in der MotoGP-Ver­si­on schaut er ein­deu­tig bes­ser aus – aber ich hab nun ein­mal den wei­ßen.

Für die winterliche Ausfahrt unverzichtbar: Der Unterleibsschutz.

Der Alex würd sich krop­fert lachen, den Start ver­schla­fen. Neh­men wir an, er käme mit einer x-belie­bi­gen 125er Ves­pa. Dann hät­te er da hof­fent­lich kei­ne Win­ter­rei­fen drauf, die klei­nen, kip­pe­li­gen Räder statt der 16-Zöl­ler wie der Xen­ter, weni­ger Leis­tung, weni­ger Dreh­mo­ment und hät­te dafür auch noch mehr Geld hin­blät­tern müs­sen. War­um ich den Alex dann trotz­dem nicht anruf? Wenn ich aus dem Blick­feld bin, packt ihn ja doch der Ehr­geiz, und spä­tes­tens in der drit­ten Kur­ve fährt er mir innen, am Rut­scher, durch, macht mit der lin­ken Hand obszö­ne Ges­ten und ruft mir mit einem Lächeln noch den Namen des Wir­ten zu, bei dem er auf mich war­tet und ich dann die Rech­nung beglei­chen darf.

 

Yama­ha Xen­ter 150 MotoGP

Motor: 1 Zylin­der-4-Takt-Motor, 4 Ven­ti­le

Hub­raum: 155 ccm

Leis­tung: 11,6 kW (15,5 PS) bei 7.500 U/min

Dreh­mo­ment: 14,8 Nm bei 7.500 U/min

Kraft­über­tra­gung: Keil­rie­men-Auto­ma­tik

Rad­auf­hän­gung vor­ne: Tele­skop-Gabel

Rad­auf­hän­gung hin­ten: Schwing­arm

Brem­se vor­ne: Schei­ben­brem­se, Ø 267 mm

Brem­se hin­ten: Trom­mel­brem­se, Ø 150 mm

Rei­fen vor­ne: 100÷80−16

Rei­fen hin­ten: 120÷80−16

Gewicht fahr­fer­tig: 142 kg

Sitz­hö­he: 785 mm

Preis: 3.499 Euro (inkl. Top­ca­se)


Die­ser Arti­kel erschien am 11. Febru­ar 2013 auf derStandard.at/Motorrad.