Ganz schön aufgeblasen

In den frü­hen 1980er-Jah­ren ver­bau­en Motor­rad­her­stel­ler auf der Jagd nach mehr Leis­tung die ers­ten Tur­bo­mo­to­ren und schrei­ben einen hal­ben Absatz in der Motor­rad­ge­schich­te.

Rainhard Fendrich verliert am italienischen Strand Frau, Dokumente und Geld, was ihn mit Strada del Sole gleich acht Wochen auf Platz eins der heimischen Charts hält. Wir schreiben das Jahr 1981. Wir dealen mit Musik-Kassetten – und bringen die ersten schlechten Noten nach Hause, während Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten wird. Er verschärft den Ton im Kalten Krieg und nimmt einen neuen Anlauf im Wettrüsten.

Eine ande­re Art des Wett­rüs­tens star­ten die japa­ni­schen Motor­rad-Her­stel­ler. Auf der Suche nach mehr Leis­tung fin­den die ers­ten Tur­bo­la­der zu den Motor­rad-Moto­ren und schrei­ben einen hal­ben Absatz in der Motor­rad­ge­schich­te – denn lan­ge hält das Kon­zept nicht.

Turbo mit Vergaser und Einspritzung

Qua­si zeit­gleich laden 1981 Yama­ha und Hon­da ihre Moto­ren auf – wobei bei­de Unter­neh­men einen unter­schied­li­chen Ansatz wäh­len und sich damit jeweils eine eige­ne Zei­le in der Zwei­rad-Chro­nik sichern. Yama­ha prä­sen­tiert auf der Tokyo Motor Show mit der XJ650 Tur­bo das ers­te Tur­bo-Ver­ga­ser-Sys­tem der Welt, wäh­rend Hon­da mit der CX500/CX650 Tur­bo das ers­te Seri­en­mo­tor­rad mit Tur­bo-Tech­no­lo­gie bau­te und damit erst­mals auf die Ben­zin­ein­sprit­zung setzt. Auf 100 PS brach­te es der 673 Kubik­zen­ti­me­ter gro­ße V2-Motor von Hon­da damals. Mit einer enor­men Ver­klei­dung dach­te Hon­da die Tur­bo-CX als Tou­ren­mo­tor­rad an. Ein gro­ßer Erfolg waren bei­de Motor­rä­der nicht.

 

Der man­geln­de Erfolg lag aber anschei­nend nicht dar­an, dass die Gerä­te lebens­ge­fähr­lich waren. Wenn in der Kur­ve bei 5.000 Tou­ren auf ein­mal der Tur­bo meint, dass es Zeit ist, sei­ne Arbeit zu begin­nen, und dir bra­chi­al den Hin­ter­rei­fen weg­reißt, dann ist ohne ein wenig Übung der Sturz sicher. Aber kei­ne Sor­ge, wer die­se Tur­bo-Motor­rä­der nicht in den ers­ten Wochen am Asphalt zer­rie­ben hat, durf­te sich bald über einen Lager­scha­den am Tur­bo freu­en. Die klei­nen Tur­bi­nen lie­fen mit extrem hohen Dreh­zah­len und rie­ben sich ger­ne ein­mal in sich selbst auf.

Der Preis war heiß

Doch der Haupt­grund, war­um die Motor­rä­der damals nicht zum Ver­kaufs­schla­ger wur­den, dürf­te der Preis gewe­sen sein. Denn die Rei­ben waren wirk­lich teu­er – eben nicht nur in der Anschaf­fung, son­dern auch im Betrieb. Neben der War­tung dür­fen wir davon aus­ge­hen, dass sich die ers­ten Tur­bos eisern an das Gesetz „Tur­bo läuft, Tur­bo säuft“ gehal­ten haben. Doch das ist nur eine Ver­mu­tung – kla­re Ver­brauchs­an­ga­ben zu den beat­me­ten Mam­muts konn­te ich kei­ne fin­den, freue mich aber über jede Infor­ma­ti­on.

Ach ja, Mam­mut: Frie­del Münch expe­ri­men­tier­te schon 1977 mit der Tur­bo­auf­la­dung und rüs­te­te sie­ben Münch-4 TTS-E 1200 zu Tur­bos auf. Mit ihrer Leis­tung von 125 PS soll die Münch damals eine Spit­zen­ge­schwin­dig­keit von 250 km/h erreicht haben und war damit das stärks­te und schnells­te Motor­rad sei­ner Zeit.

Kawasaki und Suzuki laden auf

Viel­leicht waren es Erfol­ge wie die­ser, die 1983 auch Kawa­sa­ki und Suzu­ki dazu trie­ben, Tur­bi­nen in ihre Motor­rä­der zu bau­en. Kawa­sa­ki lud einen Vier­zy­lin­der-Motor auf Basis des Z-900-“Z1“-Aggregats auf und hol­te aus dem Hub­raum von 739 Kubik­zen­ti­me­ter gan­ze 112 PS. Doch bei uns war das damals schon egal, weil wegen der frei­wil­li­gen Selbst­be­schrän­kung der Motor­rad-Impor­teu­re nur Eisen mit maxi­mal 100 PS Leis­tung impor­tiert wur­den. Nicht künst­lich her­un­ter­ge­fah­ren muss­te die Suzu­ki XN85 wer­den – denn die hat­te nicht, wie der Name sug­ge­riert, einen Hub­raum von 85 Kubik­zen­ti­me­ter, der lag bei 673 Kubik­zen­ti­me­ter – son­dern 85 PS.

Und eine Zei­le in der Tur­bo-Geschich­te geht nun auch an Öster­reich. Tho­mas Schickl bau­te in Mond­see mit der Shocks­ter – auf Basis der Yama­ha XJR 1300 und einem Motor von Isu­zu – ein Motor­rad, das von einem Tur­bo-Die­sel-Motor ange­trie­ben wird.

Links: Schockster, Yamaha, Suzuki, Honda


Die­ser Arti­kel erschien am 10.1.2012 auf derStandard.at/Motorrad.