Ein Leben am Hinterrad

Alex Jir­sa erin­nert sich nicht an sei­ne Days of Thun­der – er lebt sie. Jeden Tag. Dazwi­schen wheelt er alles, was zwei Räder hat.

Es ist der 2. September 2012. Am Wachauring in Melk wurde vor wenigen Minuten der Staatsmeister der Drifter gekürt. Der Parque fermé ist nur wenige Sekunden aufgehoben, als auf der Start-Ziel-Geraden die ersten Fahrer beginnen Donuts zu drehen. Die Motoren heulen, Reifen quietschen, weißer Rauch steigt auf. Die Zuschauer kriegen ihre Show.

Man kann das viel­leicht so wie die Zuga­be nach einem Rock­kon­zert betrach­ten. Und mit einem Mal nimmt das Gejoh­le ab. Es zer­fällt in ein kol­lek­ti­ves Stau­nen. Zwi­schen den wei­ßen Rauch­schwa­den bewegt sich etwas Oran­ges. Alex Jir­sa hat sich kur­zer­hand auf sei­ne Ves­pa gesetzt und wheelt zwi­schen den drif­ten­den Autos durch. Es ist ihm wohl nicht bewusst – aber es ist ein gebüh­ren­der Sai­son-Abschieds­gruß für sei­ne Fans. Denn er ist es, der den Dau­er­sie­ger Alois Pam­per mit einem Sier­ra Cos­worth in Kärn­ten in die Knie gezwun­gen hat. Noch zwi­schen den ein­zel­nen Läu­fen hat er sei­nen erst vor weni­gen Tagen gekauf­ten Ford abge­stimmt, um dann ein Ren­nen hin­zu­knal­len, bei dem die Geset­ze der Phy­sik außer Kraft gesetzt schie­nen.

Um genau die­se Geset­ze küm­mert er sich nicht im Ansatz. Dar­um ist auch der Cosi im Trai­ning zum nächs­ten Ren­nen gestor­ben. Wie sonst lässt sich erklä­ren, dass er sei­ne 300er Ves­pa jeder­zeit aufs Hin­ter­rad bringt? „Unlängst hab ich gele­sen, dass nur der Resch aus einer Kur­ve raus­whee­len kann“, lächelt er, steigt auf sei­nen Rol­ler und meint: „Stimmt nicht!“ Er fährt auf eine Keh­re zu – obwohl, man kann jetzt nicht sagen, dass er auf die Keh­re zuge­fah­ren ist, weil mit blo­ckier­tem Vor­der­rad ist das ja eher ein Draht­seil­akt als schlich­tes Fah­ren – kurz vor der Keh­re lässt er vom Brems­spiel ab, wirft die Oran­ge in Schräg­la­ge, um sie knapp nach dem Schei­tel­punkt aufs Hin­ter­rad zu heben. In Schräg­la­ge zieht er den Bock auf die Gera­de, rich­tet ihn auf und balan­ciert die Fuh­re mit dem lin­ken Fuß aus.

Wenn der Alex mit einem Motor­rad nicht whee­len kann, dann hat es kein Hin­ter­rad – oder eine Trak­ti­ons­kon­trol­le, die man nicht aus­schal­ten kann. Aber fra­gen Sie den Alex Jir­sa nicht, wie er jedes Moped – vom 50 Kubik-Rol­ler bis hin zur bla­den Super­sport­ler – aufs Hin­ter­rad bringt. Er wird es Ihnen nicht erklä­ren kön­nen. „Ich setz mich drauf und heb das Vor­der­rad“, beschreibt er knapp. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Und weil es so spie­le­risch aus­schaut, ver­kühlt sich auch ab und an jemand. Wie Man­fred Stohl oder Chris Rosen­ber­ger. Als Alex Jir­sa bei einer Ver­an­stal­tung am dama­li­gen A1-Ring durch die Boxen­gas­se wheelt, wol­len die bei­den Instruk­to­ren – und Moto­crosser – bewei­sen, dass das ja eh nix ist. Es war eine fürch­ter­li­che Lek­ti­on in Demut. Rosen­ber­ger schaff­te es gera­de, das Vor­der­rad des 50-Kubik-Yama­ha-Rol­lers über ein Stre­cke von ein­ein­halb Meter zu lup­fen, „und nach­dem die bei­den fer­tig pro­biert haben, war die Kupp­lung auch noch abge­brannt“, erin­nert sich Alex Jir­sa schmun­zelnd.

Ande­re wis­sen um sei­ne Fähig­kei­ten, Fahr­zeu­ge zu bewe­gen, genau­es­tens Bescheid. Wie jener Biker, der dem Alex sei­ne Mul­tistra­da hin­stellt und meint: „Du, die lenkt nicht rich­tig ein. Kannst mir ein­mal schau­en, was es da hat?“ Ohne zu zögern steigt der Alex auf die Duc, fährt los und kommt nach weni­gen Minu­ten wie­der zurück. „Und was ist dir auf­ge­fal­len?“, fragt der Besit­zer. „Dass man bei 230 nim­mer rauf­schal­ten kann, weil es einem die Fli­p­flops vor­ne so run­ter­zaht“, meint er tro­cken. Die „grad noch“-Schlapferl waren jetzt übri­gens so ange­schlif­fen, dass sie umhe­gend im Müll­ei­mer lan­de­ten.

Alex Jir­sa ist kein Mann, der lan­ge Reden schwingt. Er wirkt sogar ein wenig bär­bei­ßig, ist es aber nicht im Ansatz. Als wir ihn auf die Idee hin anspre­chen, ihn mit sei­ner Ves­pa foto­gra­fie­ren zu wol­len, sagt er schlicht: „Ruf an, kurz bevor du da bist, dann bin ich fer­tig, wenns bei mir auf­schlagts.“ Kein Tam­tam, kein Brim­bo­ri­um. Wenn es hoch her geht, dann ein­mal ein „Scheiß di net an!“

Und jetzt kön­nen Sie sich auch vor­stel­len, dass es kein Leich­tes war, den Alex für ein paar Por­traits neben sei­ner Ves­pa zu fixie­ren, als sich am Park­platz gegen­über die Poli­zei ein­park­te. „Das ist sicher a mör­der Foto, wenn ich dort vor­bei­wheel. Das hats noch nie gege­ben.“ Zum Glück gibt es die­ses Bild auch jetzt noch nicht. Sonst wür­de hier an die­ser Stel­le statt einer Motor­rad-Geschich­te ein Koch­re­zept ste­hen, oder eine Rezen­si­on über die neu­en Ten­nis­so­cken von Fadi­das.

Was hier aber auch nicht steht, ist unser Aus­flug nach Ita­li­en. Als ich den Alex eines Som­mer­tags tref­fe, erzählt er mir, dass er ein wenig Ent­span­nung braucht: „Was machst denn die nächs­ten Tage? Fahr­ma mit dem Rol­ler nach Ita­li­en?“ Als ich ihn fra­ge, wie er sich das vor­stellt, wo er genau hin will, ob er schon ein Zim­mer hat, lie­ber zel­ten will, wie lan­ge es dau­ern soll – dreht er sich um, schüt­telt noch ein­mal resi­gnie­rend den Kopf, setzt sich auf die Ves­pa und wheelt nach – ja, das wuss­te er ver­mut­lich in dem Moment sel­ber noch nicht. Er hat die Rei­se nie wie­der ange­spro­chen.

War­um er lie­ber mit dem Rol­ler als mit einem Motor­rad auf Tour gehen will, fra­ge ich ihn aber bei nächs­ter Gele­gen­heit trotz­dem: „Was brauch ich ein Motor­rad? Der Rol­ler ist viel prak­ti­scher und kann alles, was ein Motor­rad auch kann.“ Ein Irr­tum, den man ihm nicht erklä­ren kann. Er kann mit einem Rol­ler alles, was ande­re mit dem Motor­rad nicht kön­nen. Obwohl er es mit dem Motor­rad auch kann, wie gan­ze Bil­der­ga­le­ri­en im hei­mi­schen Hoch­glanz-Motor­rad-Heftl bewei­sen. Für die Jungs wheelt er näm­lich alles, was sonst nie­mand vor­ne in die Höh kriegt.

Und wenn Sie ein­mal eine oran­ge 300er Ves­pa sehen, dann grü­ßen Sie ruhig. Steht sie Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter am Hin­ter­radl, oder legt einen Stop­pie hin, dass Ihnen das Herz ste­hen bleibt, dann haben Sie den Alex getrof­fen und er hat freund­lich zurück­ge­grüßt.


Die­ser Arti­kel erschien am 29.11.2012 auf derStandard.at/Motorrad.


Fotos: Wolf-Dieter Grabner