Die Buam sind nicht schlecht

Thomas Huber, der ältere der Huberbuam, will nicht sagen, der beste Kletterer zu sein. Warum, erzählt der Berchtesgadener dem threesixty.

Sie haben das moderne Klettern in unserer Gegend erst wirklich bekannt gemacht. Sie sind Speed-Kletterer, Erst-Besteiger und Extrem-Kletterer. Die Huberbuam – die vielleicht besten Kletterer der Welt. „Ich bin nicht der beste Kletterer der Welt“, sagt Thomas Huber, mit 45 Jahren der ältere der beiden bayrischen Brüder. „Es gibt so viele gute Kletterer, von denen nicht alle so bekannt sind wie wir. Wer immer auch sagt, er sei der Beste, ist kurz vor dem Fall. Ich habe nie gesagt, der Beste zu sein, und möchte es nie sagen. Es reicht, wenn es heißt: ,Die Jungs sind nicht schlecht!‘ – dann weiß man eh, was los ist.“

Die Popularität der Huberbuam erklärt sich Thomas – für ihn scheint es ohnedies kein „Sie“ zu geben – damit, „dass wir so authentisch sind. Unser Hobby ist unser Beruf, und deswegen sind wir so erfolgreich. Wenn es anders wäre, und wir nur mehr des Berufs wegen klettern würden, würden wir rasch von der Bildfläche verschwinden.“ Das gilt auch für die Motivationsvorträge, ist Thomas überzeugt: „Wir sind Paradiesvögel, die sich nicht verstellen – darum werden wir gebucht.“

Ich bin, wie ich bin

Es nervt ihn, dass diese Einstellung zu sich selbst heute etwas Besonderes ist. „Gerade in der medialen Landschaft möchte sich jeder besser darstellen, als er ist. Ich nicht. Ich bin so, wie ich bin: Familienmensch mit drei Kindern und leidenschaftlicher Bergsteiger.“

Darum hat sich auch Ferrero mit seiner Kinder Milchschnitte bei den Huberbuam eingekauft. Die beiden Speed-Kletterer erklimmen im Fernsehspot ein Almhaus, um über den Balkon einzusteigen, weil sie den Schlüssel vergessen haben. Doch der Fernsehspot wird nun abgesetzt. Ferrero hat für den Spot den goldenen Windbeutel für irreführende Werbung bekommen, weil sie dem süßen Snack mit den Huberbuam einen zu sportlichen Auftritt gab. „Ferrero hat nun keine Freude mehr mit uns und die Kooperation kündigt.“ Doch ganz versteht Thomas Huber die Aufregung anscheinend nicht: „Ich habe in dem Spot nie gesagt, dass die Milchschnitte gesund ist. Klar ist da viel Zucker drinnen, aber wenn man Sport macht, kann man auch einmal eine Milchschnitte essen.“

Am Limit

Der Popularität der beiden Kletterer hat der Spot nicht geschadet. Bekannt wurden die Huberbuam aber schon vorher, durch ihren Film „Am Limit“, einem Portrait der beiden Kletterer, in dem sie ihre Kunst im Yosemite-Nationalpark zeigen. Inzwischen ist jeder der beiden Brüder selbstständiger Profikletterer. An Werbepartnern fehlt es nicht: „Jetzt haben wir eine Kooperation mit Adelholzener, einem Wasser, das ich total klasse finde, und Adidas ist besonders wichtig für uns. Wir sind seit dem Start der neuen Outdoorlinie mit dabei, und die Marke wächst rasant, was uns sehr freut.“ Man merkt also, hinter dem Kletterer steckt mehr.

Ein Geschäftsmann, vielleicht? „Da muss ich lachen“, und tut es auch, „Nein, ich habe ein klitzekleines Familienunternehmen, wir haben ein paar Fanartikel, um die sich meine Frau kümmert, die Vorträge organisiere ich selber. Alexander und ich konzentrieren uns auf das Klettern – wir können nicht mehr arbeiten, als das Jahr Tage hat.“ Einen besonderen Stellenwert hat für Thomas Huber seine Familie. Weil seine drei Kinder in der Früh zeitig aufstehen müssen – der Weg mit dem Bus vom Berg länger dauert –,steht auch er um 6:00 Uhr auf. Strapaz ist das für ihn keine. „Am Berg musst du manchmal um 2:00 Uhr aufstehen, um eine geplante Tour gehen zu können.“

Linienwahl

Ihre Touren finden die beiden Brüder in Zeitschriften oder auch Büchern – meist reicht ihnen ein Foto, um vom Fleck weg begeistert zu sein. „Wenn man einen Berg sieht, erkennt man sofort eine Linie, die man klettern möchte.“ Dabei sind die Huberbuam aber gerade dafür bekannt, Linien zu finden, die vorher wegen des hohen Schwierigkeitsgrades niemand angedacht hat. „Wir suchen explizit nach Linien, die vorher keiner erkannt hat“, gibt Thomas zu, „oder wir machen Expeditionen, an denen andere schon gescheitert sind. Die Eternal Flame etwa haben schon viele versucht, aber uns ist es eben gelungen. Man sollte das nicht überbewerten. Wir sind keine Überkletterer, wir haben neben dem Können auch eine Portion Glück. Wir sind aber auch genauso oft gescheitert.“ Doch das Scheitern an sich ist für ihn hintergründig. Wichtig ist ihm der Prozess, der daraus entsteht: „Mit jedem Scheitern wächst die Herausforderung und du selbst als Mensch.“

Thomas Huber kennt sich selbst sehr gut, seine mentalen Stärken. Nur so kann er mit seinem Bruder nur mit wenigen, oder ganz ohne Sicherungen klettern gehen. „Das alles mental zu schaffen, hat viel mit unserer Angstbewältigung zu tun, damit, wie wir ein Risiko einschätzen. Angst ist ein positiver Begleiter, der uns dann oft Momente aufzeigt, die gefährlich sind. Wir wissen, was wir tun, wenn wir genau an der Grenze unterwegs sind; wissen, dass es lebensbedrohlich ist. Das macht uns sensibel dafür, jeden Schritt mit Bedacht zu setzen; Handlungen mit voller Konzentration durchzuführen.“ Große Unfälle, meint Thomas, passieren durch Leichtsinn: „Erkenne die Gefahr, dann weißt du, dass du sicher bist.“

Der Ausbruch

Mental so stark, gemeinsam mit seinem Bruder Extremsituationen meisternd – kann dieser Thomas Huber überhaupt anders, als glücklich durchs Leben wandeln? „Doch, ich kann zwider werden. Das passiert in der Familie, der Beziehung, mit den Kindern, ich werde auch grantig auf meinen Bruder, oder wenn mich, so wie erst kürzlich, die Polizei aufhält. Haben die nichts Besseres zu tun?“ Die bis jetzt immer sehr ruhige, ja sanfte Stimme von Thomas, die durch den charmanten Dialekt noch einnehmender ist, erhebt sich auf einmal.

Und dann ist es auch schon wieder vorbei – alles wieder beim Alten. Der ältere der Huberbuam spricht wieder reflektiert, ruhig, faszinierend. „Meinungsverschiedenheiten mit meinem Bruder treten häufiger auf als mit anderen Menschen – weil wir einen engeren Umgang haben. Ich finde, je näher sich Personen stehen, desto häufiger ist man anderer Meinung. Ich achte darauf, dass sich da nichts aufstaut – dafür ist mir mein Umfeld zu wichtig.“ Es kann also schon einmal krachen zwischen den Huberbuam. Aber das ist Thomas so nur recht. Denn er ist davon überzeugt, dass mit einem Megakrach rechnen muss, wer nicht kritikfähig ist. „Das Wichtigste ist, dass man selbstkritisch bleibt“, meint Thomas, „seine eigene Sichtweise nicht als die einzig richtige erkennt. Dann kommt man relativ weit.“

Auch am Berg kann es passieren, dass Thomas einmal flucht. „Wenn es nicht so läuft, sich das Seil verheddert, dann kann schon sein, dass ich einmal schimpfe. Aber das ist aus dem Zorn heraus, dass nichts weitergeht, aus der Erschöpfung, aus der Extremsituation heraus.“

Nächstes Ziel: Arktis

Die nächste Extremsituation, welche die Huberbuam in Angriff nehmen werden, wartet in der Arktis. „Für Juli, August haben wir uns auf Baffin Island am Mount Asgard eine Route ausgesucht“, sagt Thomas und freut sich sichtlich schon darauf. „Wenn du von etwas überzeugt bist, mit dem Herz dabei bist, kannst du alles erreichen. Man braucht ein wenig Glück, aber wenn man es sucht, findet man auch den Weg dorthin.“


Thomas Huber

Geboren am 18.11.1966 ist Thomas die Antipode seines Bruders. Zwei Jahre früher als sein Bruder geboren, trägt er die Last des Älteren. Er ist ein schnell zu begeisternder Träumer, idealistisch, ein wenig chaotisch und planlos erscheinend, voller staunender Neugier, nicht phlegmatisch, aber doch mit einer Laisser-faire-Mentalität ausgestattet – die seinem Bruder auf den ersten Blick nicht vergönnt ist. Der staatlich geprüfte Bergführer ist seit 1996 Profi, spielt in der Rockband „Plastic Surgery Disaster“ und träumt vom Fliegen. Mit seiner Frau Marion, den beiden Söhnen Elias, Amadeus und seiner Tochter Philomea lebt er heute in Berchtesgaden.


Am Limit

Es ist der erfolgreichste Film der Huberbuam. In 96 Minuten nehmen die beiden sympathischen Extrem-Kletterer den Zuschauer mit auf eine Reise ins Yosemite-Valley. Dort versuchen die beiden an der Nose, der 1000 Meter hohen Granitwand des El Capitan, den Rekord im Speedklettern zu brechen. Szenen aus Berchtesgaden und Patagonien zeichnen ein umfassendes Bild von Thomas und Alexander.

Bis heute sind sechs Filme der Huberbuam erschienen, die sie selbst auf ihrer Homepage www.huberbuam.de vertreiben.


Eternal Flame

2009 gelingt den Huberbuam die Rotpunkt-Begehung einer der berühmtesten Kletterrouten der Welt: Eternal Flame. Die Route zieht mitten durch den Südpfeiler des 6251 Meter hohen Nameless Tower in der Trango-Gruppe im Karakorum. Wolfgang Güllich war die Tour 1989 erstmals begangen. Eine Reihe namhafter Kletterer versuchen die anspruchsvolle Route dann frei zu klettern – was bis auf die letzten vier Seillängen auch gelang. Der Schweizer Denis Burdet konnte 2003 zwei weitere Seillängen frei klettern, 2005 schaffte der Baske Iker Pou ein weiteres Stück. Erst den Huberbuam gelangt in vier Tagen die komplette Begehung der 24 Seillängen mit Schwierigkeiten bis 9+ und so spritzigen Namen wie „Light my fire“, „Come together“, und „Wish you were here“.


Fotos: adidas, Huberbuam


Die­ser Arti­kel erschien in der ers­ten Aus­gabe des tree sixty, einem Maga­zin, das der Stan­dard ver­legt, und das am 20.4.2012 der Tages­zei­tung der Stan­dard beilag.