Der Deal mit rohen Kräften

Chuck Nor­ris kann mit einem All­rad­ler bei vol­lem Lenk­ein­schlag drif­ten. Für alle ande­ren gilt: Weni­ger ist mehr, außer bei der Leis­tung.
Roland Scharf über das Drif­ten mit All­rad­lern.

Driften heißt nicht: Gegenlenken. Driften heißt auch nicht: Nervöses Heck einfangen. Driften heißt ebenso wenig: Um Traktion kämpfen. Mit einem Allradler zu driften bedeutet fast immer das Gegenteil. Also: Arbeiten gegen die Traktion, gegen die Geschwindigkeit und gegen den natürlichen Drang des Autos, sich von selbst zu stabilisieren. Das Quertreiben eines Allradlers ist ein größerer Kampf als mit einem Hinterradler. Denn hier geht es nicht darum, den Drift zu übertreiben, sondern ihn mit allen Mitteln am Leben zu halten. Das muss aber nicht langweilig sein, im Gegenteil. Der Kampf mit den Kräften der Physik verlagert sich nur auf eine härtere Ebene.

Das fängt damit an, den Drift über­haupt ein­mal ein­zu­lei­ten. Der posi­ti­ve Effekt zusätz­lich ange­trie­be­ner Vor­der­rä­der – die Motor­leis­tung ver­lust­frei­er auf die Stra­ße zu brin­gen – ergibt für die Quer­trei­be­rei gleich meh­re­re Nach­tei­le: Der grund­sätz­lich sta­bi­le­re Fahr­zu­stand macht es nahe­zu unmög­lich, den Wagen durch simp­les Gas-geben in den insta­bi­len Fahr­zu­stand zu ver­set­zen (außer, man hat wirk­lich, und ich mei­ne wirk­lich viel Leis­tung. Aber dann fühlt sich so ein Auto an wie ein wüten­der Pit Bull an einer rut­schi­gen Lei­ne. Wer mit wem hier Gas­si geht, lässt sich nicht so genau klä­ren).

Die Macht der Antriebskraft

Auch der Schmäh mit dem Schlepp­mo­ment, bei dem simp­les Gas-lup­fen für Grip­ver­lust an der Antriebs­ach­se sorgt und so das Heck eines Hin­ter­rad­lers aus­bre­chen lässt, bringt den 4×4 nur in einen trä­gen Unter­steu­er­zu­stand. Die­ses Abbrems-Moment erreicht schließ­lich auch die Vor­der­rä­der. Und so para­dox es klin­gen mag, aber für ihre zwei­te wich­ti­ge Auf­ga­be, dem Umset­zen von Lenk­be­feh­len, fehlt in sol­chen Momen­ten an der Vor­der­ach­se ein­fach der Grip. Zu viel Macht haben die Antriebs­kräf­te, wir schlit­tern also hilf­los gera­de­aus zum Stre­cken­rand und bli­cken den Heckis blöd hin­ter­her, die ihre tan­zen­den Hin­tern nach Lust und Lau­ne raus­hän­gen las­sen. Das ist aber kein Grund, trau­rig zu sein.

Damit das Heck also aus­bricht, bedarf es diver­ser Kunst­grif­fe. Ein­mal das klas­si­sche Anpen­deln: Das „scan­di­na­vi­an flick“ getauf­te Manö­ver soll durch einen kur­zen Lenk­im­puls in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung, unmit­tel­bar vor der her­an­na­hen­den Kur­ve das Auto auf­schau­keln, es hin­ten „leicht machen“ und eine Sinus-Schwin­gung ein­lei­ten, die – ähn­lich wie beim Motor­rad­fah­ren – den Schwung hin­ein in die eigent­li­che Kur­ve flie­ßen­der macht. Wer die­se simp­le Pen­del­be­we­gung nun durch den klas­si­schen Last­wech­sel (kurz vom Gas gehen. Nun ergibt das Schlepp­mo­ment also durch­aus Sinn) ein wenig unter­stützt, um Gewicht von hin­ten nach vor­ne zu ver­la­gern, hat es immer­hin schon mal geschafft: Will­kom­men im insta­bi­len Fahr­zu­stand!

Der nervöse Pit Bull

Die Arbeit geht jetzt aber erst los. Wäh­rend der geneig­te Heckie-Fah­rer den Drift nun mit­tels Gas und Lenk­win­kel nach belie­ben steu­ern kann, steht der All­rad­ler vor dem Pro­blem der über­mäch­ti­gen Vor­der­rä­der. Denn sie die­nen nicht dazu, den Wagen aus­zu­ba­lan­cie­ren, son­dern bestim­men ganz allei­ne, wo es lang geht. Sie zie­hen den Hobel sozu­sa­gen in die gewünsch­te Rich­tung, wie unser ner­vö­ser Pit Bull sei­nen hilf­lo­sen Besit­zer. Wer so stark gegen­lenkt wie bei einem Fahr­zeug mit Heck­an­trieb, wird also unwei­ger­lich in die ein­ge­schla­ge­ne Rich­tung abbie­gen und in Form eines unüber­wind­ba­ren Gegen­pend­lers die Stre­cke vor­zei­tig ver­las­sen. Die­se Blö­ße gilt es, mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern.

Eine 12-Uhr-Mar­kie­rung am Lenk­rad ist bei Quat­tro und Co also nicht so wich­tig, denn im Ide­al­fall zeigt das Ruder immer Gera­de­aus und die Räder ste­hen (mit Aus­nah­me von leich­ten Kor­rek­tu­ren) gera­de in den Rad­käs­ten. Man darf also nicht auf­hö­ren, andau­ernd in die Kur­ve hin­ein­zu­len­ken, anders lässt sich der Grip der vier Räder nicht aus­trick­sen.

Der schirche Gegenpendler

Das ist aber immer noch nicht alles, das es zu beach­ten gilt. Denn wäh­rend ein Ford Tau­nus oder ein 3er BMW durch die durch­dre­hen­den Antriebs­rä­der im Drift nicht, oder nur kaum schnel­ler wer­den, ackern die vier Radln des All­rad­lers nach wie vor kräf­tig. Wir befin­den uns also im Kon­flikt mit der Geschwin­dig­keit. Denn zum einen muss man natür­lich kräf­tig am Gas blei­ben, um die immense Trak­ti­on zu über­win­den. Zum ande­ren ist aber immer noch genü­gend Haf­tung vor­han­den, um die Fuh­re im Drift beängs­ti­gend stark zu beschleu­ni­gen. Tun­lichst ist es also zu emp­feh­len, den Wagen am Kur­ven­aus­gang schon in Fahrt­rich­tung aus­ge­rich­tet zu haben. Etwai­ge Kor­rek­tu­ren, womög­lich noch unter­stützt durch pani­sches Gas-lup­fen, füh­ren uns zurück zum Ein­gangs erwähn­ten gemei­nen Gegen­pend­ler, der meist schirch endet.

Haar­na­deln und ande­re enge Kur­ven sind also nur mit allen Regeln der Kunst zu durch­que­ren und auch lang­ge­zo­ge­ne Kur­ven mögen die wenigs­ten All­rad­ler, weil es schon Fah­rer mit Eiern braucht, die mit dem immensen Geschwin­dig­keits­über­schuss am Kur­ven­aus­gang zurecht kom­men.

Die Faszination des Allrad-Drifts

Was ist also das Reiz­vol­le an der Idee, einen 4×4 rut­schen zu las­sen? Es ist die Span­nung der Gegen­sät­ze, das Ver­geu­den von Grip, das Dea­len mit rohen Kräf­ten. Es hat etwas sün­di­ges an sich, ein Antriebs­kon­zept, das nur dafür dient, für sta­bi­len Fahr­zu­stand zu sor­gen, hem­mungs­los falsch ein­zu­set­zen. Und natür­lich ist es die ret­ten­de Por­ti­on Trak­ti­on, die umso hilf­rei­cher wird, je rut­schi­ger der Belag aus­fällt. Schnee und Eis zum Bei­spiel, und soll­te der gewähl­te Drift­win­kel doch zu extrem sein, oder die Pis­te all­mäh­lich aus­ge­hen, bleibt der Voll­gas-Befehl als Ret­tungs­an­ker, der dich in letz­ter Kon­se­quenz zurück ins Spiel bringt. Und wer die­se Gewalt an Antriebs­kraft ein­mal erlebt hat, so roh und über­mäch­tig, dass sie dir das Gefühl ver­mit­telt, die Erde schnel­ler dre­hen zu las­sen, kommt von der Fas­zi­na­ti­on des All­rad­drifts nie mehr weg.

An die Ästhe­tik eines Heck­trieb­lers wird ein 4×4 zwar nie her­an rei­chen, aber Kunst lässt sich ein­fach nicht ver­glei­chen. Die Fein­füh­lig­keit der alten Meis­ter oder die grob­schläch­ti­ge Ele­ganz der modern art-Ver­tre­ter – was mehr fas­zi­niert, muss jeder für sich beant­wor­ten.

Text und Fotos: Roland Scharf


Zur Per­son:
Roland Scharf ist RSC, All­rad-Pro­fi, Werk­zeug-Jon­gleur und der Meis­ter der Tas­ta­tur und Test­wa­gen bei Alles Auto.