Zwölftonmusik aus Mittelengland

Zwölf­zy­lin­der sind sel­ten gewor­den. Aston Mar­tin baut sie noch und schickt mit dem Vira­ge Volan­te ein Cabrio zum Haa­re rau­fen über den Kanal

Gordon Darroch ist unter der Haube. Der Chef-Ingenieur bürgt dort mit seinem Namen für die Zwölftonmusik des Virage. Wie jeder Aston Martin wird auch dieser vor der Auslieferung noch einmal komplett durchgecheckt. Erst danach bekommt er seinen Qualitätsstempel – eine silberne Plakette unter der Motorhaube.

Die Britische Insel – Land der Exoten

Män­ner ver­ges­sen aufs Auto­fah­ren, Frau­en über­le­gen, ob der Typ an ihrer Sei­te der rich­ti­ge ist, die Oma lässt fast das Ein­kaufs­a­ckerl fal­len, Kin­dern bleibt der Mund offen und wild­frem­de Rad­fah­rer zei­gen mir den Fin­ger, also den erho­be­nen Dau­men. Der Luxus-Sport­wa­gen aus dem eng­li­schen Gay­don erregt Auf­se­hen, nicht nur optisch. Das tie­fe Grol­len des 6-Liter-12-Zylin­ders hört man gera­de in den Häu­ser­schluch­ten der Wie­ner Innen­stadt beson­ders gut. Aber da gehört der Aston gar nicht hin.

Er muss raus

Wir haben 30 Grad im Schat­ten, und mir läuft ein kal­ter Schau­er über den Rücken. Da ist es wie­der, die­ses typi­sche Tur­bo-Plop­pen beim Schal­ten. Der Vira­ge klingt schon schnell. Nach ein­mal Schal­ten – von der ers­ten auf die zwei­te –, ist man oben auf den ein­hun­dert km/h. Oder tech­ni­scher aus­ge­drückt: In 4,6 Sekun­den beschleu­nigt der Sport­ler von null auf hun­dert. Dabei drückt es dich tief in den Sitz, bläst dir aber selbst mit offe­nem Ver­deck nicht das Hirn raus. Die Mund­win­kel tref­fen sich mit den Lach­fal­ten um die Augen auf Höhe Joch­bein. Am liebs­ten wür­de ich über­prü­fen, ob das mit den ange­ge­ben 299 km/h Spit­zen­ge­schwin­dig­keit stimmt. Aber ich bin ja ver­nünf­tig – schon ohne Geschwin­dig­keits­re­kor­de im Bur­gen­land auf­zu­stel­len, ist der 78 Liter Tank nach rund 180 Kilo­me­tern zu drei­vier­tel leer – und der Bri­te ist sowie­so ein Gen­tle­man. Er lässt den Mus­kel­protz nicht raus­hän­gen. Wäh­rend das Heck ande­rer Sport­wa­gen mit annä­hernd 497 PS und Hin­ter­rad­an­trieb am Kur­ven­ein­gang schon ver­sucht, dich zu über­ho­len, macht der Aston das nur auf Wunsch. Das Sechs­gang-Auto­ma­tik­ge­trie­be bleibt immer auf Zug, stö­ren­de Last­wech­sel gibt es nicht. Sei­ne Len­kung ist sport­lich kom­for­ta­bel.

Fliegende Untertasse

Sport­lich und trotz­dem kom­for­ta­bel sind auch die Sit­ze. Sie sind mit feins­ten Leder über­zo­gen. Über­haupt beherrscht wei­ches, duf­ten­des Leder den Innen­raum des Vira­ge Volan­te. Auch hier spie­gelt sich die Lie­be zum Detail und die rund 200 Stun­den rei­ne Hand­ar­beit wider, die in einem Aston Mar­tin ste­cken. Ich mag es, wie ich mich selbst in den Bedien­ele­men­ten der Mit­tel­kon­so­le aus Glas und Alu spieg­le. Sogar der Auto­schlüs­sel ist aus Glas und könn­te locker als 2.000 Euro teu­rer Ket­ten­an­hän­ger durch­ge­hen. Ins­ge­samt ist alles an sei­nem Platz, auf­ge­räumt, kein unnö­ti­ger Schnick­schnack stört das edle Inte­ri­eur der 1,25 Meter fla­chen flie­gen­den Unter­tas­se.

An so eine ‚dis­co volan­te‘ könn­te David Brown, von 1947 bis 1172 Eigen­tü­mer des Unter­neh­mens Aston Mar­tin, viel­leicht gedacht haben, als er Anfang der 70er-Jah­re erst­mals eine Cabrio­ver­si­on mit elek­trisch betä­tig­tem Ver­deck eta­blier­te – damals eine Pre­mie­re in einem euro­päi­schen Seri­en­au­to – und den Begriff Volan­te für sei­ne Cabri­os präg­te.

Es ist zum Haare raufen

Der Vira­ge Volan­te sieht jetzt optisch schon aus wie von einem ande­ren Stern: die Strom­li­ni­en­form, der typi­sche Küh­ler­grill, die mar­kan­ten Xenon-Schein­wer­fer. Zum Haa­re rau­fen außer­ir­disch für einen Nor­mal­ver­die­ner wie mich, ist der Preis: Der Test­wa­gen kommt auf exakt 287.981,95 Euro. Selbst wenn man sich die knapp 8.000 Euro teu­re Bang&Olufsen-Beschallungsanlage aus dem Zube­hör­ka­ta­log spart – weil man sowie­so kein Radio in einem Zwölf­zy­lin­der braucht – und fest Schmer­zens­geld für das Kenn­zei­chen des Test-Astons bekommt, wird kein Schnäpp­chen aus der eng­li­schen Luxus-Schüs­sel.

Foto: Christian Houdek


Der Aston Mar­tin Vira­ge Volan­te wur­de von Petra Mühr für
Woman und Woman.at zur Ver­fü­gung gestellt.