Der frühe Vogel hat die Wahl

Son­nen­lie­gen und Autos haben genau so viel gemein­sam wie der Audi A1 TDI und der Fiat Abarth Pun­to Evo – näm­lich wenig, meint Gabrie­le Glu­schitsch.

Ich versteh die Wurstsemmeltouristen nicht. Sie packen fünfzehn Handtücher in ihren Koffer – für lange Hosen, Kleider und Leiberl mit Ärmel ist dann natürlich kein Platz mehr –, damit sie vor Sonnenaufgang, wo jeder normale Urlaubsreife noch im Bett liegt, mit allen anderen senilen Bettflüchtigen für die ganze Familie die Liegen am Pool oder Strand besetzen können. Nur der frühe Vogel hat die Wahl, sagen sie. Aber ist es nicht egal, ob man sich in der ersten Reihe entspannt oder in der zweiten? Nein, dass man sich um Liegen streiten kann, das versteh ich nicht – sie sind ja keine Autos.

Die Schlüssel des Anstoßes

Sich mit jeman­dem um Autos bezie­hungs­wei­se die Schlüs­sel dafür zu strei­ten, das kann ich nach­voll­zie­hen. Vor allem, wenn die­ser jemand die bes­se­re Hälf­te und einem vom Wesen her ähn­li­cher ist als die eige­nen Geschwis­ter und es sich um zwei Autos han­delt, die auf den zwei­ten Blick unter­schied­li­cher nicht sein kön­nen: den Fiat Abarth Pun­to Evo und den Audi A1 TDI. Da ist Tak­tik gefragt.

Zwei Ligen, zwei Baustellen

Elf Zen­ti­me­ter machen es aus, dass der A1 und der Abarth nicht in der glei­chen Liga spie­len. Der A1 ist ein Klein­wa­gen mit einer Län­ge von 3,9 Meter. Er macht es einem beim Ein­par­ken noch leich­ter als der um besag­te elf Zen­ti­me­ter län­ge­re Abarth, der schon in die Kom­pakt­wa­gen-Klas­se fällt. Die­ser hat genau des­halb aber die Front beim Lade­vo­lu­men vorn, ein bissl zumin­dest. Maxi­mal 1.030 Liter gegen 950 im Audi. Über eine Stopp-Start-Auto­ma­tik ver­fü­gen bei­de. Die fünf Gän­ge des A1 und die sechs des Pun­to Evo schal­tet man manu­ell. Und unter der Motor­hau­be von bei­den liegt jeweils eine Rei­hen-Vier­zy­lin­der-Maschi­ne. Auf den ers­ten Blick haben A1 und Abarth Pun­to Evo also recht viel gemein, auf den zwei­ten nicht, und es wird schnell klar, dass die Flit­zer sich um die Käu­fer­gunst nicht strei­ten müs­sen.

Der Kleine mit der großen Schnauze

Dem edlen wei­ßen Audi A1 mit der schwarz schim­mern­den A- und C-Säu­le, der für das Life­style-Maga­zin inwi­en getes­tet wird, sieht man sei­ne 105 PS an. Denn die vier Zylin­der des 1.6 Liter Tur­bo-Die­sels machen sich ordent­lich breit unter der mäch­ti­gen Motor­hau­be des A1, die schon fast aggres­siv aus­schaut und der sogar auf­ge­motz­te 80zi­ger-Jah­re-Sta­tus­sym­bol­au­to-Fah­rer Respekt zol­len. Respekt ver­die­nen auch die Inge­nieu­re, die im Audi A1 1.6 TDI den Kom­fort der Limou­si­nen-Brü­der und die Agi­li­tät der Sports­ka­no­nen ver­packt haben. Dar­um ist auch der gemes­se­ne Norm­ver­brauch von knapp 4 Liter im Test­be­trieb kaum zu schaf­fen. Der klei­ne A1 mit der gro­ßen Schnau­ze ver­lei­tet ein­fach zum ambi­tio­nier­ten Tre­ten des Gas­pe­dals. Und an die Bli­cke, die er vor der Oper genau so auf sich zieht wie vorm Heu­ri­gen, gewöhnt man sich auch schnell, wes­halb man ihn selbst für Kurz­stre­cken gern aus der Gara­ge holt.

Gut beschalt im Fiat

Am Fiat Abarth Pun­to Evo, der für den Stan­dard getes­tet wird, schei­den sich die Geis­ter. In jene, die sagen „Ah geh, schon wie­der eine klei­ne Schüs­sel, die auf Renn­wa­gen macht“ und in jene, denen beim Anblick des Skor­pi­ons sofort die Mund­win­kel nach oben sprin­gen und der Kopf wis­send zu nicken beginnt. Abarth ist die seit 1971 haus­ei­ge­ne Tunin­g­ab­tei­lung von Fiat. Wo Abarth drauf steht, ist Feu­er drin. Und befeu­ert wird der Pun­to Evo von vier Kes­seln, die ins­ge­samt 1.4 Liter Ben­zin schlu­cken. Ben­zin, das in den Tank rinnt, als wäre ein Loch drin­nen. Die 163 Pfer­de des Abarth Pun­to sind näm­lich durs­tig, wenn man sie lau­fen lässt. Und man lässt die Zügel ger­ne locker; schmiegt sich in den Scha­len­sitz und lauscht der Musik des Tur­bo­la­ders – genau so wie jeder ande­re, der sich grad auf der Stra­ße tum­meln.

Auf­fal­len ist also doch wie­der eine Gemein­sam­keit von bei­den Autos. Sowohl mit dem Audi A1 1.6 TDI Ambi­ti­on, den es in der Test-Aus­stat­tung ab 21.530 Euro zum Abho­len gibt, wie mit dem Abarth, den man in der Basis­ver­si­on um 19.980 Euro mit nach Hau­se neh­men kann, steht man in der jewei­li­gen Liga jeden­falls in der ers­ten Rei­he. Das Dilem­ma ist dem­nach doch das­sel­be wie mit den Son­nen­lie­gen im Urlaub: Wel­che will ich? Die Tak­tik ist aber auch die­sel­be: Nur der frü­he Vogel hat die Wahl.

Foto: Wolf-Dieter Grabner