Der Ackerfurchenbeißer

Die BMW F 800 R schaut böse aus, ist ein­fach zu fah­ren und geht gut. Trotz­dem wird der BMW-Fah­rer belä­chelt.

Manchmal bin auch ich ein armer Hund. Und als solcher sitze ich hier, bei einer Art Motorradfahrer-Stammtisch, und auf einmal geht es los, das BMW-Bashing, das im BMW-Fahrer-Beschimpfen gipfelt. Ich sitze entspannt neben dem Wortführer, meine Fingernägel krallen sich in meine Oberschenkel, mit verzweifelter Stimme bestelle ich noch ein Bier — ein großes! Bitte! Bitte! — und versuche, so teilnahmslos wie nur irgendwie möglich, die Zeit bis zum Eintreffen des Glases voll Realitätsverweigerung zu überbrücken.

Und wenn der Kell­ner nicht anzaht, tren­ne ich mir noch einen Ober­schen­kel ab“, reißt es einen Gedan­ken­fet­zen durch mein Hirn, als mir der Schmäh­füh­rer einen Remp­ler in die Sei­te ver­passt. Ich mer­ke, wie ent­schei­den­de Tei­le mei­nes Bein­klei­des unter den Näg­len haf­ten blie­ben, wäh­rend mei­ne Hand nun ins Lee­re krallt. Der Haxen freut sich über das neue Blut, jenes Blut, das in mei­nem Ohr kocht, wäh­rend ich im Takt von wei­te­ren Rip­pen­stö­ßen ein Stac­ca­to von „die BMW-Fah­rer, hm glu, die BMW-Fah­rer, hm glu, sag schon, die BMW-Fah­rer, hm glu, die BMW-Fah­rer“ höre.

Noch vor zwei Tagen saß ich auf der BMW F 800 R und frag­te mich, wie es die Bay­ern schaff­ten, so viel Spaß zwi­schen zwei Rädern zu bau­en. Mei­ne Sor­ge war weni­ger, dass sich jemand über mich belus­ti­gen könn­te, weil ich auf einer BMW sit­ze. Viel mehr war ich froh, dass die F800R mit dem neu­en CAN-BUS aus­ge­stat­tet ist. Das heißt: kein Kabel­baum mehr, kei­ne ordi­nä­ren Schmelz­si­che­run­gen mehr, dafür die neue Schal­ter­ein­heit am Len­ker und eine elek­tro­ni­sche Weg­fahr­sper­re seri­en­mä­ßig. Nicht seri­en­mä­ßig, aber stra­ßen­zu­ge­las­sen, war der Akra­po­vic für eine sehr kurz­wei­li­ge Geräusch­ku­lis­se sorg­te, ohne auf­dring­lich laut zu sein. Kurz­wei­lig des­we­gen, weil man mit dem Zube­hör­ka­min noch direk­ter mit­be­kommt, dass der 798 Kubik­zen­ti­me­ter gro­ße Vier­ven­ti­ler-Par­al­lelt­win klingt wie ein Boxer. Das ist kein blö­des Nach­äf­fen der gro­ßen Stam­mes­vä­ter, auch wenn die Klang­ähn­lich­keit beab­sich­tigt ist: Der 30 Grad nach vor­ne geneig­te Motor hat pro Kur­bel­wel­len­um­dre­hung einen Arbeits­takt. Zusam­men mit einer wei­te­ren BMW-Eigen­heit, den Aus­gleichs­pleueln, sorgt das für ein sehr sei­di­ges Fah­ren und ein ordent­li­ches Dreh­mo­ment von 86 New­ton­me­ter bei 6000 Umdre­hun­gen. Die Leis­tung liegt übri­gens bei 87 PS, 64 kW bei 8000 Umdre­hun­gen.

Die Erbfolge

Die F 800 R ist ja der letz­te Spross der 800er-Fami­lie. Nach der S, ST und den bei­den GS-Model­len ist die Nacker­te der logi­sche Schluss­punkt der Modell­rei­he. Im Ver­gleich zur F 800 S hat sich aber auch das Getrie­be ver­än­dert: Bleibt die Über­set­zung der ers­ten drei Gän­ge iden­tisch, wur­den die obe­ren drei Gän­ge kür­zer und die R damit bei höhe­ren Geschwin­dig­kei­ten sprit­zi­ger. Zum Brem­sen gibt es eh die Brem­bos, die sich vor­ne durch einen Brems­flüs­sig­keits­be­häl­ter aus­zeich­nen, den der Desi­gner anschei­nend ver­ges­sen hat, ein­zu­pla­nen. Extra­hoch ragt er über den Len­ker und zap­pelt dort per­ma­nent, dass man ihn fra­gen möch­te, ob er aufs Klo muss. Aber abge­se­hen von die­sem ästhe­ti­schen Wim­merl, sind die Brem­sen top: Zwei 320er-Schei­ben vor­ne mit einem 4-Kol­ben-Fest­sat­tel tre­ten vor jedem Radar­kas­ten kna­ckig zum Dienst an, weil — ein bis­serl flott ist man mit der R schon immer unter­wegs. Sie lässt sich unend­lich leicht fah­ren, sie hat das Hand­ling einer Schreib­fe­der — der sanf­tes­te Druck reicht, um herr­li­che Kur­ven zu zeich­nen.

Mit ver­ant­wort­lich fürs edle Hand­ling ist auch, dass der 16-Liter-Tank nicht über dem Motor glug­gert, son­dern schwer­punkt­op­ti­miert unter der Sitz­bank ver­baut ist. Und die­se bestimm­te Sitz­bank der F 800 R ver­folgt mich noch bis in mei­ne Träu­me. Die R gibt es in drei Sitz­hö­hen: 1720, 1770 und 1820 Mil­li­me­ter. Und was glau­ben S‘, wel­che Sitz­bank ich mit mei­nen 190 cm aus­ge­fasst hab? Genau, die Nie­dir­che! Ich brauch­te bei der Kreu­zung kei­nen Haxen auf den Boden stel­len, weil die Knie eh schon unten waren. Knie­rut­schen wie ein Beicht­schü­ler hat aber auch fahr­sta­bi­li­sie­ren­de Eigen­schaf­ten. Gut mög­lich, dass die dem BMW-Has­ser noch vor zwei Stun­den gehol­fen hät­ten, als er, nur weil das Gras ein bis­serl nass war, vom Moped geköp­felt ist und mit der Fres­se eine Acker­fur­che für Tief­wurz­ler gezo­gen hat. Viel weh­ge­tan kann er sich aber nicht haben, so wie er mich immer noch steßt, der Glas­häus­ler: „Gell glu, die BMW-Fah­rer, die BMW-Fah­rer, gell glu“.

Foto: BMW


Der Arti­kel erschien auf derStandard.at.